Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Babylons Legenden

Mythos Babylon

Vom Recht der ersten Nacht - Künstler und Literaten haben sich Babylons Legenden immer im jeweiligen Zeitgeist hingebogen

Von Marina Neubert

"Gezählt, gezählt, gewogen, zerteilt" - dies ist eine der rätselhaftesten Wortkombinationen der Menschheitsgeschichte, die Babels tyrannischem König Belsazar einst seinen Sturz prophezeite. Das Menetekel. Liest man die dunkle Geisterschrift im Mythosteil der Ausstellung "Babylon - Mythos und Wahrheit", wird sofort spürbar, wie unheimlich so ein längst verstorbener Satz doch sein kann. Oder die berühmte Schrift der babylonischen Gelehrten - "Am Anfang des Schreibens war der Keil" -, eine der ältesten Erkenntnisse der Menschheit, mit der die Babylonier den Keil als Schlüssel zur Schrift, die Schrift als Zugang zur Sprache und die Sprache als Garant jeglicher Kultur feierten.

Umso nachdenklicher sollte der Besucher werden, der vor dem Rekonstruktionsmodell des "Turm zu Babel" steht, dessen Geschichte mit dem Verlust der Sprache Babylons unmittelbar verbunden ist. Demnach ist es dem Turmbau zu Babel zu verdanken, dass wir seit Jahrtausenden aneinander vorbei reden. Wären die Babylonier seinerzeit nicht so anmaßend gewesen, sich mit Gott messen und einen Turm bauen zu wollen, der bis zum Himmel reichen sollte, hätte Gott all die Völker, die zuvor eine gemeinsame Sprache hatten, nicht mit der Sprachverwirrung bestraft. So weit der Mythos.

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Die Menschheit rappelte sich immer wieder auf. Im Laufe der Zeit haben wir den Nachteil der "babylonischen Sprachverwirrung" in den Vorteil der kulturellen Sprachvielfalt umgewandelt. Ein Glück im Unglück. Wie das ganze alte Babylon dem Abendland immer als eine zeitlose, schier unerschöpfliche Quelle für Mythen diente.

Allein auf den Turmbau zu Babel reagierte die westliche Kultur durch Jahrhunderte hinweg höchst unterschiedlich: Von Pieter Breughels berühmtem Gemälde "Turmbau zu Babel" (1563), das als Symbol für die Vergänglichkeit alles Irdischen galt, über Fritz Langes unvergesslichen Stummfilmklassiker "Metropolis" (1927) - ein futuristisches Überwachungs-Epos vom neuen proletarischen Babel -, bis hin zur Science-Fiction-Literatur wie Harry Vedas neue Novelle "Wirrwarr" (2008), in der die Turmbau-Hybris zur psychologischen Grundlage der modernen, nach Reichtum und Macht strebenden Jugend erklärt wird.

Die alten Wahrheiten lassen sich weder beschreiben noch nachbilden. Am ehesten aber wiedererfinden. Im Wahrheitsteil der Ausstellung begegnet man nicht ohne Dankbarkeit der ersten schriftlichen Fiktion und ältesten überlieferten literarischen Dichtung der Menschheit: Dem "Gilgameschepos" (um 1900 v. Chr.). Eine Auswahl von kleinen Tontafeln stellt einige der Legenden vom König Gilgamesch dar. Der summerische Uruk-Herrscher ist nicht nur als Hauptfigur der Urquelle der abendländischen Literatur in die Kulturgeschichte eingegangen, denn nach Überlieferung soll Gilgamesch - zu Zweidrittel Gott, zu einem Drittel Mensch - als allererster Regent in der Weltgeschichte das Herrschaftsrecht, jeweils die erste Nacht mit einer Braut zu verbringen (ius primae noctis), für sich eingefordert haben. Literarische Interpretationen zeigen, wie großzügig sich die westliche Kultur Babylons Legenden passend machte. So findet sich etwa im westeuropäischen Spätmittelalter die literarische Darstellung des "ius primae noctis" bereits im nordfranzösischen Kreuzfahrerroman "Baudouin de Sebourc" (um 1350), in dem es lediglich als eine Art gewöhnlicher Brauch gedeutet wird. Während die Dichter der Neuzeit das Herrenrecht als ein Zeichen tyrannischer Herrschaft interpretieren: Von Pierre Augustin de Beaumarchais Komödie "Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro" (1778), auf der Mozarts populäre "Figaro"-Oper basiert, über Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" (1804), in dem die Fürsten das "Recht der ersten Nacht" so lange missbrauchten, bis es zu einem Befreiungskampf kam, bis hin zu George Orwells Roman "1984", in dem dieses "unrechte Recht" als Kapitalismuskritik schlechthin zugespitzt wird.

Ähnlich erging es übrigens dem berühmten Mythos der "chaldäischen Weisheit". In der Renaissancelyrik wurden die Beobachtungen der Chaldäer Astronomen zum größten Teil als eine rein mystische Erfahrung gedeutet. Dagegen zogen die Dichter des russischen Symbolismus am Anfang des 20. Jahrhunderts die babylonische Astronomie als ein wissenschaftliches Zeugnis zu Rate und die Entwicklung der "symbolistischen Melodik" brachten sie sogar in direkte Verbindung mit der chaldäischen Sicht auf das abgestimmte Verhältnis der Planeten zur Sonne.

Stets aufs Neue finden sich alte babylonische Wahrheiten im Spiegel der jungen abendländischen Mythen wieder. Dabei verraten sie letztlich aber viel mehr über unsere Gegenwart als über die eigene Vergangenheit. Wie wird wohl heutzutage die große (Anti-) Heldin Babylons, die berüchtigte Hure interpretiert? Das Unzuchtsweib der Menschheitsgeschichte, das für einen der bedeutendsten Kaiserkulte des Altertums stand, bei dem Imperatoren als Götter verehrt wurden? In Douglas Gordons Videoinstallation "Black and White" (1996) im Mythosteil der Ausstellung taucht sie als gewöhnliche Pornodarstellerin auf. Manchmal machen es sich neuzeitliche Moraldeuter gar zu einfach.

(Der Text erschien am 5. August 2008 in der Berliner Morgenpost zu Ausstellung „Mythos Babylon“ im Pergamonmuseum)