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Kirschtorte mit Davidstern

Kirschtorte mit Davidstern - Die 22. Jüdischen Kulturtage 2008 sind den Jeckes, den deutschsprachigen Einwanderern nach Israel, gewidmet

Von Marina Neubert

Die Schwarzwälder Kirschtorte macht jetzt eine internationale Karriere in Berlin - die alte, gute Backware ist zum Markenzeichen der diesjährigen Jüdischen Kulturtage avanciert. Und außerdem noch zum Geburtstagsgeschenk anlässlich des 60. Jahrestages der Staatsgründung Israels sowie zur Erinnerung an die Tradition der rund sechzigtausend deutschen Juden, die aus Nazi-Deutschland nach Palästina geflohen sind.

Für eine solch symbolträchtige Aufgabe könnte die Geburtstagstorte allerdings etwas bunter ausgeschmückt sein. Sagen wir einmal: Ein farbenfrohes Ornament aus Blinis, Falafeln, gefiltem Fisch, Strudel oder Challabrot hätte dem neuen Gesicht der Schwarzwaldtorte auf dem Plakat der Jüdischen Kulturtage gut getan. Denn der einsame Davidstern aus Sahne reicht bei weitem nicht mehr aus, um den multikulturellen Geschmack aus Israel zu verbildlichen: Eine Mischung von Lebensarten, Ritualen, Traditionen und Gepflogenheiten der dort geborenen Sabras, der eingewanderten Sefardim aus Afrika, der europäischen Aschkenasim, der deutschsprachigen Jeckes und der Olim-Hadashim aus der ehemaligen Sowjetunion.

Die 22. Jüdischen Kulturtage, die heute beginnen, widmen sich überwiegend dem kulturellen A-la-carte aus Israel. Mit Konzerten, Lesungen, Tanzabenden, Ausstellungen, auch zu solch hochsensiblen Themen wie Raub und Restitution jüdischen Kulturguts während der NS-Zeit. Im Programm finden sich unter anderem: Ein Auftritt der Sängerin und Schauspielerin Esther Ofarim, die sowohl mit ihren jiddisch-hebräischen Liedern, aber auch in der Rolle als Chaja in Peter Zadeks "Ghetto"-Inszenierung (1984) von Joshua Sobol in Deutschland bekannt wurde, chorsinfonische Liturgien von Yehezkel Braun, die auf traditionellen jiddischen und gregorianischen Motiven basieren, eine Lesung aus der leisen, poetischen Erzählung "Tehilla" (1952) von Samuel Josef Agnon, der als erster israelischer Schriftsteller zusammen mit Nelly Sachs den Nobelpreis für Literatur (1966) erhielt, die Tanzperformance "Poetic Disasters" von Roni Haver und Guy Weizman, für ihre hochexpressive Choreographien europaweit bekannt. Ein anspruchsvolles, umfangreiches Programm. Und zum Abschluss - die lukullische Kostprobe auf dem Straßenfest in der Fasanenstraße.

Auf den ersten Blick enthält das Programm alles, was man sich von der Mannigfaltigkeit jüdisch-israelischer Kultur verspricht. Doch auf den zweiten, genaueren Blick ist es eine ziemlich ungleichmäßige Mischung. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass die Jüdischen Kulturtage sich in diesem Jahr in erster Linie den Spuren der deutschsprachigen Einwanderer in der israelischen Kultur verschrieben haben - eine der heute in Israel verbreiteten Erklärungen, warum sie einst den spöttischen Spitznamen "Jeckes" bekamen, muss wohl mit ihren Jacken zu tun haben, die sie damals auch bei größter Hitze trugen.

Mit Staunen fragt man sich, in welchem Zusammenhang steht eigentlich das Konzertprogramm der aus Moskau stammenden Pianistin Elena Bashkirova - sie wird mit ihrem Jerusalem Chamber Music Ensemble einen Abend mit den Werken von Robert Schumann und dem jüdisch-tschechischen Komponisten Erwin Schulhoff gestalten - mit dem Einfluss der Jeckes auf die israelische Kultur? Ebenso gering scheint die Auswirkung des Erbes der Jeckes auf die Programmgestaltung des Münchener Kammerorchesters zu sein, das mit Musik von jüdisch-amerikanisch-europäischen Komponisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auftritt.

Weiterhin muss man sich fragen, ob die verzweigten Spuren der deutschsprachigen Juden in der israelischen Kultur allein durch die Ausstellung "Die Jeckes" im Centrum Judaicum oder durch einen Konzertabend mit der in Berlin geborenen, zeitgenössischen israelischen Komponistin Ursula Mamlok aufzuspüren sind? Und tritt das Abschlusskonzert mit jemenitisch-sefardischen Gesängen von Idan Raichel, durchmischt mit Afrorhythmen und arabischer Poesie, nicht etwa in Widerspruch mit dem europäischen Erbe der Jeckes? Aber das ist keinesfalls so - nicht nur deshalb, weil Idan Raichel selbst Nachfahre osteuropäischer Aschkenasim ist. Bemerkenswerterweise öffnet das widersprüchliche Programm des Festivals genau die Tür, die zum Verständnis der jüdischen Kultur, inklusive die der Jeckes, führt. Es kann keine vollständig erhaltene Kulturtradition der israelischen Jeckes mehr geben. Ihre Schwarzwälder Kirschtorte wird, um beim obigen Bild zu bleiben, längst schon mit äthiopischen Gewürzen, arabischen Saucen oder russischem Puderzucker gebacken.

Die jüdisch-israelische Kultur lässt sich im Jubiläumsjahr am besten als Traum von der Wiedervereinigung darstellen: Man versucht, die im Laufe der Jahrtausende sich voneinander entfremdeten und heutzutage scheinbar unvereinbaren Traditionen wieder zusammenzubringen - im Land der Väter.

Jedes Jahr am Ende des jüdischen Pessach Festes wünschen sich Juden, die in der Diaspora leben, im kommenden Jahr in Jerusalem feiern zu wollen. Natürlich meinen die meisten das nicht wörtlich und haben nicht vor, ihre Heimatorte zu verlassen, um nach Israel aufzubrechen. Aber es gehört zur Tradition, es sich wenigstens zu wünschen. Und so gesehen, fehlt der Schwarzwälder Kirschtorte der Berliner Kulturtage eigentlich nur noch ein Fuchspelzkragen. Es geht doch letztendlich um die israelischen Jeckes, die der Dramatiker Ja'akov Schabtai Schoschana in seiner berühmten, wehmütigen Komödie "Striped Tiger" an einem heißen Tag am Tel Aviver Strand der dreißiger Jahre mit Stolz einen Fuchspelzkragen tragen lässt.

(Der Artikel erschien am 13. September 2008 in der Kultur der Berliner Morgenpost)