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Kaminer und die Russen

Sowjets hatten keinen Sex: Der Berliner Autor Wladimir Kaminer erzählt skurrile Geschichten aus sozialistischen Zeiten

Von Marina Neubert

Die Anekdote im neuen Erzählband "Es gab keinen Sex im Sozialismus", die Wladimir Kaminer gleich in seiner ersten Geschichte "Die Telebrücke" preisgibt, stimmt wirklich: Bei der ersten Fernseh-Liveschaltung zwischen der UdSSR und den USA "Moskau - Los Angeles" im Jahr 1982 antwortete eine gut beleibte Russin auf die Frage eines Amerikaners, wie es denn mit Sex in der Sowjetunion sei, tatsächlich: "Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex..." Eigentlich wollte die gute Dame nur sagen, dass es im sowjetischen Fernsehen keinen Sex gäbe. Ein Missverständnis. Das danach folgende Gekicher auf beiden Seiten gehört schon längst zu den unzähligen Überresten aus der Endzeit-Komik des Kalten Krieges.

Dies sei nicht nur die erste Telebrücke gewesen, behauptet Kaminer, sondern zugleich auch die letzte. Was durchaus hätte sein können angesichts des peinlichen Missverständnisses. Aber seine Behauptung ist leider unwahr, und Kaminer strickt - wie der Untertitel des Buch mit "Legenden und Missverständnisse des vorigen Jahrhunderts" verspricht - wohl gleich neue hinzu. Vielleicht war auch Wladimir Viktorowitsch, zu jener Zeit noch ein fünfzehnjähriger Moskauer Junge, einfach nur entgangen, dass der russische Fernsehjournalist Vladimir Posner, der die erste Telebrücke mit den USA im September 1982 moderiert hatte, in den folgenden Jahren eine Reihe ähnlicher TV-Liveschaltungen gemeinsam mit dem amerikanischen Fernsehstar Phil Donahue durchführte. Mit großem Erfolg, und das bis in die 1990er-Jahre hinein.

Aber da lebte der Toningenieur Kaminer bereits in Berlin und hatte offensichtlich in seinem neuen Leben in Deutschland andere Dinge vor Augen und im Sinn. Beispielsweise: Deutsch zu lernen, oder zusammen mit seiner Frau Olga und seinem Freund Yuriy Gurzhy die bekannt gewordene "Russendisko" im Kaffee Burger inmitten der Szene zu organisieren. Oder die ersten Texte über sein früheres Leben im Sozialismus in Deutsch zu verfassen, die er zunächst in verschiedenen Zeitungen unterbrachte, dann mit außerordentlichem Erfolg einem stetig anwachsendem Publikum vortrug und schließlich mit seiner ersten Erzählsammlung "Russendisko" (2000) für frohlockende Schlagzeilen sorgte.

Mag sein, dass in seinem neuen Buch hin und wieder eine gewisse Nachlässigkeit im Umgang mit Details aus der untergegangenen Sowjet-Diktatur aufzuspüren ist, aber man verzeiht sie gern diesem humorvollen, rundum gut gelaunten Autor, dessen Geschichten viel mehr vom paradoxen Umgang mit den Merkwürdigkeiten seiner ehemaligen Heimat leben als von der literarischen Sorgfalt.

Letztendlich ist Kaminer auch nicht angetreten, um große Literatur zu schöpfen oder Sachbücher über die Geschichte der Sowjetunion zu verfassen. Er nimmt einfach nur die Vergangenheit - insgesamt sind es zweiunddreißig Kurzerzählungen im neuen Band, die sich über alle möglichen Abenteuer im sowjetischen Alltag auslassen - gehörig auf den Arm. Mit Charme und Witz, ohne große Ansprüche "inszeniert" er seine zwar realistischen, doch in erster Linie von der Situationskomik lebenden Storys, wie eine Art Text-Performance mit pointiertem Finale. Und im Endeffekt kommt es nicht wirklich darauf an, ob es nun eine oder viele Telebrücken gab. Oder ob nun tatsächlich alle sowjetischen Schüler, wie sich Kaminer zu erinnern glaubt, die pathetische Passage über das schnelle Fahren aus Nikolai Gogols Roman "Tote Seelen" auswendig lernen mussten ("Die rasenden Russen").

Es sind entspannt dahin geplauderte und gekonnt zugespitzte Geschichten über den sozialistischen Beschaffungsgeist - sie handeln von alten Babuschkas, die an jedem kleinen Bahnhof aus Eimern Kartoffelpüree billig an die Reisenden verkaufen, von den Überlebenskünsten des Restaurantbesitzers der "Schwangeren Spionin" Alexander Ivanowitsch oder von der alltäglichen Jagd des Sowjetmenschen nach Konsumgütern wie Brillen oder etwa nach Nasentropfen. Genau genommen kommt es bei all den Geschichten nur auf eines an: auf die Sichtweise des Autors.

Denn im Grunde macht Wladimir Kaminer in seinem neuen Buch genau das, was er in seinen vorherigen Büchern bereits gemacht hat: Er spöttelt darüber, wie er, der Kaminer, die Welt sieht. Für ihn scheint es, seitdem er in Deutschland lebt, vor allem zwei Themen zu geben, über die er sich in seinen Texten erstaunt: Entweder macht er sich darüber lustig, wie er (oder seine Landsleute) den sowjetischen Sozialismus bewältigten. Oder darüber, wie er (oder seine Landsleute) mit dem deutschen Kapitalismus umzugehen versuchen. Bücher wie "Russendisko", "Militärmusik" oder "Es gab keinen Sex im Sozialismus" gehören beispielsweise zur ersten Kategorie. Und sie ähneln sich - sowohl in der Aussage als auch in der Dramaturgie - wie neugeborene Drillinge. Doch durch die Art, wie Kaminer es immer wieder aufs Neue schafft, seine Selbst- und Alltagsbeobachtungen ad absurdum zu führen, entkommen sie der Gefahr, langweilig zu werden.

Ganz im Gegenteil: Der Leser ist geneigt, sich über die gleichen Witze, die in neue Geschichten hintergründig verpackt wurden, immer wieder zu amüsieren. Man ist sogar bereit, die sprachlichen Schwächen des Autors - es ist eine grob gestrickte Mischung aus einfachem, direktem Schriftdeutsch mit russischer, ironischer Mundart - als eigenes Markenzeichen anzuerkennen. Nicht umsonst ist Wladimir Kaminer, der ausgezeichnete Performer seiner eigenen Texte, schon längst zu einem Kultautor avanciert. Warum auch nicht? Humor hat noch niemandem geschadet.

( Der Text erschien am 13.2.2009 in der Berliner Morgenpost)