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Kenzaburo Oe in der Freien Universität

"Ich sind 50 andere" - Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe eröffnete im Oktober 2008 das Jubiläum zur Samuel-Fischer-Gastprofessur

Von Marina Neubert

"Ich weiß wenig über mich selbst", gesteht der Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Ôe: "Ich bin umgeben von mindestens 50 Figuren, die ich mir mein Leben lang ausgedacht habe, und die undurchschaubarste dieser Figuren bin ich selbst." Das Gesagte entspräche kaum dem originellen Feingeist des heutzutage bedeutendsten Dichter Japans. "Aber Moment bitte!", setzt Ôe lächelnd in der Freien Universität nach: "Vielleicht bin ich derjenige unter den 50 Verlorenen, der am schlechtesten Englisch kann?!"

Mit seinem Vortrag "Optimism is an act of will" wird die Veranstaltungsreihe zum zehnten Jubiläum der Samuel Fischer Gastprofessur für Literatur fortgesetzt, die von der FU Berlin, dem DAAD, dem S. Fischer Verlag und dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Holtzbrinck 1998 ins Leben gerufen wurde. Dass Kenzaburo Ôe - nach dem Russen Vladimir Sorokin und dem Afrikaner V.Y. Mudimbe hatte er als dritter Weltautor im Winter 1999/2000 die Professur inne - die Jubiläumsfeierlichkeiten eröffnet, ist kein Zufall.

Ôes kosmopolitischer Geist entspricht dem Bestreben der Samuel-Fischer-Professur, die nationalen und regionalen Grenzen der Literatur überwinden zu wollen. Die internationale Verbreitung allein ist kein ausreichender Grund, um den einen oder den anderen Autor nach Berlin einzuladen. Deshalb wird bei der Auswahl der Autoren - sowohl bei den klassischen hommes de lettres als auch bei den schreibenden Unterhaltungskünstlern neuerer Generation - in erster Linie auf den hohen künstlerischen Wert und den Einfluss ihrer Werke auf die allgemeine Entwicklung der Literaturen der Welt geachtet.

Seit 1998 kommt für jeweils ein Semester ein ausländischer Schriftsteller als Samuel-Fischer-Gastprofessor nach Berlin. Neben seiner Lehre an der FU nimmt der Geladene gewöhnlich an diversen öffentlichen Veranstaltungen teil. Jeder Autor - unabhängig davon, ob es der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, der US-amerikanischer Bestsellerautor Paul Auster oder ein unbekannterer Überraschungsgast ist - entscheidet über die Form seines Auftritts selbst.

Der erste Inhaber der Professur Vladimir Sorokin erinnert sich, dass er vor zehn Jahren mit seinem performanceartigen Seminar über den Moskauer Konzeptualismus die Studenten ein wenig schockiert habe. Dies sei aber seine Intention gewesen, denn dieser schrill-schreienden Underground-Kunstrichtung ließe sich mit stiller Lektüre kaum beikommen. Schließlich gewann aber das Enfant terrible der russischen Literatur sein Publikum, indem er die in der Sowjetunion verbotene Videoaufnahmen von den frühen Aktionen der Konzeptualisten vorführte.

Kenzaburo Ôe, der nun nach Paul Auster als fünfter Samuel-Fischer-Ehrengast auftritt, liest neben diversen Vorlesungen, die sich oft mit der globalen Gefahr des Ultra-Nationalismus am Beispiel Japans auseinandersetzen, am häufigsten aus seinen Büchern. Auch diesmal hat der 73-jährige Schriftsteller seinen jungst erschienenen autobiografischen Roman "Sayonara, meine Bücher", in dem Ôes Alter Ego Kogito Choko sich in den Bergen zurückzieht, um sein Leben rückblickend zu bewerten, als Diskussionsvorlage für die jungen Leser vorbereitet.

Lässt man die literarische Welt des japanischen Nobelpreisträgers - bereits 1964 schrieb er sein erstes Meisterwerk "Eine persönliche Erfahrung", ebenso ein autobiographisches Zeugnis, in dem ein Vater mit der geistigen Behinderung seines Sohnes zu leben lernt - nur ein einziges Mal an sich heran, lässt sie einen nie wieder los. Es muss Ôes einmalige Fähigkeit sein, die Grenze zwischen größter Verzweiflung und größter Hoffnung des Menschen so zu betreten, dass der Mensch dabei ausnahmslos seine Würde behält.

Nach seiner Vorlesung an der FU signiert der Ehrengast seine Bücher mit zwei unterschiedlichen Schriftarten und einem persönlichen Namensstempel in Rot, wie es in Japan üblich ist. Für einige Leser scheint es eine ungewöhnliche Erfahrung zu sein. Kenzaburo Ôe lächelt: "Keine Angst bitte, nicht alle meinen Figuren werden unterschreiben. Nur ich allein!"

(Der Beitrag erschien am 1. November 2008 in der Berliner Morgenpost)