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Alan Bennett: Der ungewöhnliche Leser

Im Land der Schönheit - Kein Commissario weit und breit: Was in Italien die Bestsellerliste bestimmt

Von Marina Neubert

Die Italiener gönnen sich für alles Schöne ein eigenes Wort: für feine Küche "raffinata" (erlesen), für köstliches Gebäck "squisita" (exquisit), für gute Manieren "raffinati" (gepflegt) und für die schöne Literatur "belle". Die aktuelle Bestsellerliste des Römischen Buchhauses "Rinascita" (siehe rechts) verdient ebenso ein schönes Adjektiv: "straordinario". Außergewöhnlich! Denn unter den Helden der dort meist verkauften Bücher taucht kein einziger Commissario, kein zwischen den Welten fliegender Zauber-Jüngling und kein Weltverschwörer auf - was die italienischen Charts des vergangenen Monats von den üblichen europäischen Rennern erheblich unterscheidet.

Die Hauptfiguren der Bestseller in Italien sind unter anderem leidenschaftliche Leser (Alan Bennetts Novelle "The Uncommon Reader"), gewöhnlich-ungewöhnliche Süditaliener der Mittelschicht (Mariolina Venezias Gesellschaftspanorama "Mille anni che sto qui", wofür sie mit dem renommierten Literaturpreis Premio Campiello 2007 ausgezeichnet wurde), die Antihelden der neapolitanischen Mafia (Roberto Savianos herausragender Tatsachenroman "Gomorrha") oder ein alternder, unter Versagensängsten leidender Mann (Philip Roths ergreifender Roman "Patrimony").

Dass die Werke der anspruchsvollen Briten Alan Bennett und Ian McEwan, des großen amerikanischen Romanciers Philip Roth oder des italienischen Dokumentaristen Roberto Saviano, aber auch die von Doris Lessing, Don DeLillo oder Fabio Stassi (Longlist), sich in Rom momentan besser verkaufen als der übliche Fantasy- und Krimikram, ist auf dem europäischen Buchmarkt eine Seltenheit. Ein Skeptiker würde sagen, dies würde sich schon im nächsten Monat wieder marktgemäß "normalisieren". Wir wollen hoffen, dass es bei dieser italienischen Besonderheit bleibt - eine schöne "particolaritá".

Der Brite Alan Bennett, der mit seinen satirischen Monologen "Talking Heads" 1987 bekannt geworden ist, führt momentan die Bestsellerliste an. Dem deutschen Leser machte der Verleger Klaus Wagenbach diesen Erzähler zugänglich. Mit der Novelle "Cosí fan tutte" sowie mit seinen wundervollen Kurzgeschichten "Vatertage" begann in den Neunzigern sein Ruhm als virtuoser Prosaiker.

Mit seiner neuen Novelle "Der ungewöhnliche Leser" hat Bennett wieder einmal ein ironisches und zugleich ein feinfühliges Buch geschrieben. Es ist eine kritisch-kluge Geschichte, in der Queen Elisabeth erst im hohen Alter - mittels einer mobilen Bücherei, die an ihrem Palace geparkt hat -, endlich anfängt, sich für Bücher zu interessieren und langsam zur führenden und leidenschaftlichen Leserin im Lande avanciert. Der 74-jährige, krebskranke Bennett glaubt unbeirrt an die große Macht der Bücher. "Nur ein belesener Mensch kann die Welt wirklich verändern", sagt er.

Seine italienischen Leser scheinen ihm zuzustimmen. Und an die Macht der schönen Literatur zu glauben. In der Neujahrsumfrage des Buchhauses "Rinascita" gaben sie an, der alte Dichter Bocaccio sei Italiens bedeutendster Schöngeist, weil er bekanntlich als Vater der modernen Novelle gelte. Oh wie schön!

(Die Kolumne und Top5 erschien am 4. Januar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)

Bestseller in Italien

1 Sovrana Lettrice (Der ungewöhnliche Leser) Alan Bennett, Adelphi Verlag.

2 Mille splendidi soli (Tausend strahlende Sonnen) Khaled Hosseini, Piemme Verlag.

3 Mille anni che sto qui (Tausend Jahre, die ich hier bin) Mariolina Venezia, Einaudi Verlag.

4 Gomorra Viaggio nell'impero economico e nel (Gomorrha) Robert Saviano, Mondadori Verlag.

5 Patrimonio. Una storia vera (Mein Leben als Sohn) Philip Roth, Einaudi Verlag.

Italienische Bestseller, ermittelt durch die römische Buchhandlung "Rinascita"