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Albert Camus: Der Fremde

Roman eines abgestumpften Kriegskindes - Philosoph und Nobelpreisträger Albert Camus führt in der Geschichte „Der Fremde“ (1942) das Menschenleben ad absurdum

Von Marina Neubert

Albert Camus ist sein Leben lang ein Kriegskind geblieben. Und wenn einer 1913 in eine arme, halb ausgerottete algerische Provinz hinein geboren wird, mit Neunzehn an einer schweren Tuberkulose erkrankt und als 25-Jähriger im von Nazi-Deutschland besetzten Frankreich Mitglied der Résistance wird und zusehen muss, wie die von ihm verehrte La Grande Nation mit Hitler kollaboriert, dann sollte man sich nicht wundern, wenn er bereits mit Neunundzwanzig erkennt, dass man seinem eigenen Leid und all dem Elend in der Welt keinen Sinn geben kann.

1942 schrieb der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus den Roman "Der Fremde", den man zweifelsohne auch als Roman eines abgestumpften Kriegskindes bezeichnen könnte. Er wurde bis heute in seiner wichtigsten Aussage nicht übertroffen: Der nach Sinn strebende Mensch gerät in Konflikt mit der Sinnlosigkeit des Leids und scheitert. Er entfremdet sich von der Welt und gleichzeitig auch von sich selbst. Er isst, trinkt, hat Sex, wäscht sich, geht arbeiten. Aber er fühlt nichts.

Auch Camus' Romanheld Meursault fühlt nichts. Er fragt sich auf dem Begräbnis seiner Mutter, warum er keinerlei Emotionen empfindet, und kann sich diese Frage nicht beantworten. Das einzige, was er kann, ist sich lediglich zu wünschen, seine Mutter wäre nicht gestorben. So beginnt die Geschichte "Des Fremden". Meursault ist ein nichts fühlender Beobachter, der am Leben teilnimmt, und für den Tragödien nicht mehr als eine Unterbrechung seines ansonsten gewöhnlichen Daseins sind. Gesellschaftliche Werte lassen ihn ebenso gleichgültig. Als er aus scheinbarer Selbstverteidigung einen jungen Araber am Strand tötet, gibt er der drückenden Hitze die Schuld. Er sieht keine Notwendigkeit darin, seine Tat zu rechtfertigen oder zu bedauern. Denn er fühlt nichts. Als er dann vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt wird, steht er auch dem gleichgültig gegenüber.

"Der Fremde" ist jeglichem Gefühl fremd. Und was spielt es schon für eine Rolle, ob er weiter leben oder sterben würde? Für Albert Camus ist das Fremdsein ein organischer Zustand und kann jeden Menschen treffen, zu jeder Zeit. "Es kann jeden Beliebigen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen", sagte er. Es fragt sich: Tatsächlich jeden? Wäre es wirklich so, würden wir doch alle unnütze, willenlose Objekte sein, die für ihr Leben gar keine Verantwortung übernehmen könnten, die einander unbestraft Schmerz zufügen dürften, mit der Rechtfertigung, das Leben mit seinem ganzen Leid und Kummer habe sowieso keinen Sinn.

Klingt absurd. Doch genau dieses Absurde ist der Ausgangspunkt der gesamten Philosophie Albert Camus'. "Wozu, wozu das alles?", pflegte er öfters in den Raum zu werfen. Es scheint, dass er auch nach dem Krieg keinen Sinn im Frieden erkennen konnte. Und letztendlich war er mit Vierundvierzig seines eigenen Lebensleides auch überdrüssig geworden: Nur mit einem gleichgültigen Lächeln nahm er die Nachricht über den Nobelpreis für Literatur 1957 entgegen. Drei Jahre später, im Januar 1960, kam er bei einem Autounfall ums Leben. Aus dem Autowrack barg man das unvollendete Manuskript seines letzten Romans: "Der erste Mensch".

(Aus der Berliner Morgenpost vom 6. August 2007)