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Alessandro Baricco: Seide

Suche nach einer geheimnisvollen Japanerin - Alessandro Baricco schreibt mit seinem Kurzroman „Seide“ (1996) eine Hymne an die liebende Frau und wird missverstanden

Von Marina Neubert

Alessandro Baricco, der kluge Kopf aus dem italienischen Turin, ist mit seinem Roman "Seide" (1996) zu einem Kultautor der Single-Generation der Vierzigjährigen geworden. Und nur aus einem einzigen Grund: weil er missverstanden wurde. Weil das weise, elegante Buch, in dem der Franzose Hervé Joncour sich in eine geheimnisvolle Japanerin verliebt und dessen Sehnsucht unstillbar bleibt, als eine Geschichte seiner unerfüllten Liebe gelesen wird. Die Liebe, so deutet die eine Hälfte der Singles den Roman, sei nur dann dauerhaft, wenn sie nicht Wirklichkeit oder Alltäglichkeit werde. Und die andere Hälfte der Alleinstehenden setzt diese Geschichte ihrem eigenen Verlangen nach wahrer Liebe gleich.

Wie dem auch sei: Mit der unerwiderten Sehnsucht eines Seidenhändlers, der 1861 der rätselhaften Begleiterin eines japanischen Edelmanns begegnet und, ohne ein einziges Mal ihre Stimme gehört zu haben, ihr hoffnungslos verfällt, können sich die meisten identifizieren. Die einen sind von der Leidenschaft Joncours fasziniert, der seine Ehefrau jahrelang hintergeht, um nach Japan zu reisen und sich von der Unerreichbarkeit des Glücks aufs Neue zu überzeugen. Die anderen vergleichen ihre eigene Hoffnungslosigkeit mit der von Joncour.

Wenn man Bariccos "Seide" - ein literarisches Meisterwerk, komponiert wie ein kurzes Musikstück in außergewöhnlich poetischer Dichte, in dem jede Note mit Bedacht gewählt und jede Ausschmückung fortgelassen ist - auf diese Weise liest, dann lässt sich das Phänomen des Kultautors Baricco sehr wohl erklären. Genauso wie das internationale Interesse an diesem und auch an seinen anderen Romanen, wie "Land aus Glas", "Novecento" oder "Oceano Mare", die ebenso als eine Parabel von der Unerreichbarkeit des Glücks gedeutet werden.

Doch das Bizarre an dieser ganzen Geschichte ist, dass die Tausenden sich mit der Sehnsucht von Hervé Joncour auseinandersetzen und gar identifizieren, während Alessandro Baricco selbst sich von Joncours Liebessucht distanzierte, an manchen Stellen sogar spöttisch. Joncours Begierde zu dem "Seidenschal in der Farbe des Sonnenuntergangs" interessiert ihn am wenigsten. Er erzählt seine Leidenschaftsgeschichte nur deshalb, weil er der Galerie von phrasenhaften Gefühlsbildern ein einziges, aber großes Bild der Liebe entgegensetzen möchte: Das von Joncours Ehefrau Hélène. Und dieses Bild zeichnet er erst auf den letzten Seiten des Romans auf, brillant pointiert auf das große Finale. Erst zum Schluss erfährt der Leser, dass Hélène die Liebessucht ihres Mannes jahrelang stillschweigend unterstützte, ihm sogar einen erotischen Brief schrieb, ihn ins Japanische übersetzen und das Ganze so aussehen ließ, als wäre er von der rätselhaften Japanerin gekommen. Die liebende Hélène wollte, dass ihr sonst unterkühlter Mann erfährt, wie zartbitter und wundervoll das Herz schlagen kann, wenn es Liebe fühlt.

Das sind Farben! Von wegen Joncours gewöhnlicher Sonnenuntergang. Nein, Baricco malt Hélènes Bild mit chagallschem Kolorit, in Rosa-Blau-Grün, und lässt dabei seine Bewunderung dieser liebenden Frau gegenüber durchblicken. Aber das Ende malt er in Schwarz. Denn Hélène erkrankt und stirbt. Und sobald eine wirklich Liebende stirbt, endet auch Bariccos "Seide". Es gibt keinen Stoff mehr zum Weben, denn das Schicksal Joncours interessiert ihn nicht.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 23. Juli 2007)