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Aharon Appelfeld: Blumen der Finsternis

Überleben im Bordell - Aharon Appelfeld beschreibt in "Blumen der Finsternis" ein Kinderschicksal

Von Marina Neubert

Aharon Appelfeld schreibt seit mehr als 50 Jahren immer wieder das gleiche Buch: Es handelt davon, wie er als Junge den zweiten Weltkrieg überlebte. Er, 1932 in Czernowitz als Sohn assimilierter Juden geboren, überlebte als Waisenkind zunächst im Ghetto, dann im KZ und dann auf der Flucht in den ukrainischen Wäldern den Holocaust. Einerseits ist es ein immerwährend schmerzhaftes und aus schreiberischer Sicht ein ergiebiges Lebensthema. Doch andererseits könnte auch die Wiederholungsgefahr, das meiste bereits erzählt zu haben, für einen Autor groß sein.

Glücklicherweise aber umgeht der Jerusalemer Schriftsteller diese Gefahr. Man begegnet seinem jüdischen Jungen, der in verschiedenen Romanen unterschiedliche Namen trägt und dessen Überlebensstrategien variieren, immer mit Neugier und Sympathie. Einer der Gründe dafür mag Appelfelds Fähigkeit sein, eine Geschichte unprätentiös, beinahe selbstlos auszuerzählen. Eine im guten Sinne altmodische Fähigkeit, die an die beste Tradition des osteuropäischen, jiddischen Erzählens quer durch Kontinente anknüpft: Von Joseph Roth über Isaac Bashevis Singer bis hin zu Bernard Malamud und Philip Roth.

In seinem jüngsten Roman "Blumen der Finsternis" ist es nicht mehr der kleine Waisenjunge Erwin, sondern der elfjährige Hugo, dessen Mutter für ihren einzigen Sohn ein Versteck vor der Deportation ins KZ sucht. Sie findet es bei einer Prostituierten. Wie immer bei Appelfeld wird die Geschichte aus der Perspektive des Jungen erzählt, der das Unbegreifliche - Hass und Jagd auf Juden - desto weniger verstehen kann, je stärker und intensiver er es empfindet. "Manchmal", so schreibt er in sein Schulheft, "habe ich das Gefühl, selbst eine Märchenfigur zu sein. Ich hoffe, es ist ein Märchen, das gut ausgeht." Seine direkte, schmucklose Sprache ist dabei genauso dezent und erwachsen wie seine Hoffnung.

Anderthalb Jahre verbringt Hugo in Marianas Abstellkammer im Bordell. Nacht für Nacht hört er, wie sie ihre Freier empfängt, meist deutsche Soldaten. Morgens bringt sie ihm heiße Milch und Brot, tagsüber darf er in ihrem farbenbunten Zimmer Schach spielen. Auf den ersten Blick - eine bereits oft erzählte Überlebensgeschichte. Doch auf den zweiten, genaueren Blick erzählt Appelfeld eine eindrucksvolle Geschichte der wahren Hingabe. Eine einfache Ukrainerin, eine Prostituierte, die stets angeheitert ist, um ihr Leben ertragen zu können, die Hugo rettet und selbst im Endeffekt als deutsche Kollaborateurin erschossen wird, ersetzt einem jüdischen Jungen die Mutter.

Dass er diese Art selbstloser Hingabe ausgerechnet von einer Prostituierten erfährt, ist, zugegeben, nicht sonderlich originell. Dieses Motiv erinnert unwillkürlich an Jacques Ertauds Verfilmung "Eine Kindheit auf dem Montmartre" (1996), in dem der zehnjährige Waise Olivier beim Animiermädchen Mado die große Barmherzigkeit findet. Doch letztendlich steht nicht die Originalität des Motivs bei Appelfeld im Vordergrund, sondern der Ausdruck der Menschlichkeit. Die Möglichkeit zu zeigen, dass sie selbst in unmenschlichsten Zeiten und unter unmenschlichsten Bedingungen eine Überlebenschance hat. Er lässt seinen Roman mit einer großen menschlichen Geste enden - eine fremde Frau kümmert sich rührend um Hugo und andere Flüchtlinge. "Wir wissen ja gar nicht, wie viel wir zu geben haben", lässt er die magere Helferin sagen. So bescheiden und unpathetisch kann manchmal die Wahrheit sein.

(Die Rezension erschien am 9. Januar 2009 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)