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Arkadi Babtschenko: Die Farbe des Krieges

Welche Farbe hat der Krieg? Der russische Schriftsteller Arkadi Babtschenko verarbeitet seine Erfahrungen als Soldat in Tschetschenien

Von Marina Neubert

Es lebte einmal in Moskau ein achtzehnjähriger Junge namens Arkascha - mit schulterlangem, blondem Haar und aufgeweckten Augen. Ein Romantiker, Idealist, Dichter. Bis die russische Regierung am 11. Dezember 1994 den Befehl zur militärischen Intervention in Tschetschenien gab. Ein Jahr später wurde er eingezogen und kam aus dem Krieg nie wieder zurück. Denn der Mensch, der heimkehrte, war ein anderer: Er hieß Arkadi. Und aus dem achtzehnjährigen ist ein dreihundertjähriger Mann geworden, ein Kahlkopf mit kleinen Augen und dunkler Stimme.
"Das Leben, das meine Eltern mir einmal geschenkt hatten, endete in der Nähe von Grosny. Nun bin ich ein lebenstauber Soldat a. D., kein normaler Mensch mehr", schreibt Arkadi Babtschenko, der neben Anna Politkowskaja, die das geschundene Zivilistenleben während des Tschetschenienkrieges dokumentierte, zu den bedeutendsten Chronisten dieser Katastrophe aus der Sicht eines Soldaten gehört. In seinem literarischen Bericht "Die Farbe des Krieges", für den jegliche Genrebezeichnung wie etwa "Roman" oder "Novelle" eher eine Verminderung des real Erlebten als eine Aufwertung wäre, hat der junge russische Autor eindringlich und präzise genau diesen Übergang festgehalten: Wie aus einem frei denkenden, träumenden Arkascha ein niedergebeugter Kriegssklave namens Arkadi wurde.
Ein Soldat, der auf knappen 250 Seiten keine in sich geschlossene Geschichte erzählt, sondern Momentaufnahmen dessen macht, was ihm selbst und anderen blutjungen Rekruten in Tschetschenien widerfuhr. Sein Buch ähnelt einem Stummfilm mit aneinander gereihten, kurzen und ausdrucksvollen Bildern, die - wenn man sie einmal gesehen hat - nie wieder vergessen werden können. Bild eins: Leichen der tschetschenischen Soldaten, die unter strahlendem Sonnenschein in einem Fluss schwimmen, aus dem die Russen sich Wasser zum Trinken holen. Bild zwei: Tschetschenische Kämpfer schneiden ihren Gefangenen die Bäuche bei lebendigem Leib auf und erdrosseln die Opfer mit ihren eigenen Därmen. Bild drei: Der Ich-Erzähler findet eine verlassene, gemütlich eingerichtete Wohnung, in der er sich nach dem Kampf zurückzieht, um dort den Frieden zu spielen. "Ich dachte mir mein ganz persönliches Spiel aus", schreibt er, "Ich betrat die Wohnung, fiel erschöpft auf den Stuhl. Lehnte den Kopf zurück, steckte mir eine Zigarette an, schloss die Augen... Sie kam auf mich zu, 'Mein Gott, Liebster, wo warst du solange? Ich habe gewartet... Hattest du einen guten Tag?' 'Ja, ich habe zwei getötet.'"
Babtschenkos Bilder vereinbaren das scheinbar Unvereinbare: Liebe und Tod. Und sie tünchen dieses tragische Gemisch in eine Farbe. "Ich habe immer geglaubt, der Krieg sei Schwarzweiß", schreibt Arkadi Babtschenko, "doch ich habe mich geirrt: Der Krieg hat eine Farbe". Spontan würde man sagen: rot, blutig. Doch Babtschenko - der selbst noch ein halbes Kind war und im Buch die korrupten Machthaber, die den Krieg in Tschetschenien angezettelt haben, direkt anklagt - sieht diese Farbe mit den Augen eines enttäuschten Erwachsenen: Der Krieg habe die Farbe von Zement und stinke nach faulen Eiern. Das Faule, so Babtschenko, sei vor allem die Tatsache, dass er und seine Altersgenossen auf dem Altar des zerfallenden russischen Reiches geopfert wurden.
Alltagsfarben, Alltagsgestank. Und auch so genannte Alltagshandlungen, wie die am Anfang des Buches, als der Ich-Erzähler beobachtet, wie aus einem russischen Hubschrauber sorgfältig verpackte "silberne Säcke" - Leichen - auf eine Startbahn zusammen mit einer ganz normalen, für den Transport vorgesehenen Ladung gebracht werden. Der Alltag des Krieges wird von Babtschenko Bild für Bild in seiner unsentimentalen Direktheit dokumentiert.
Mitten in dieser bedrohlichen "Normalität" wird auch aus dem einst träumenden Arkascha ein tötender Krieger namens Arkadi: In seinem Aussehen, in seinem Herzen, in seiner unverhüllten, handfesten Sprache. Babtschenkos Übersetzer Olaf Kühl - ein Kenner des Tschetschenienkonflikts, der kürzlich auch das weltweit beachtete Buch der polnischen Autorin Krystyna Kurczab-Redlich "Mit dem Kopf gegen die Kremlmauer" ins Deutsche übertrug - ist es gelungen, den schleichenden Prozess dieser bitteren Verwandlung auch in deutscher Sprache eindringlich zu dokumentieren.
Nun könnten wir uns fragen: Warum sollte uns das Erinnern eines Soldaten a.D. aus dem fernen Moskau interessieren, das den Tschetschenienkrieg mal geführt hat? Doch so weit weg wie es scheint ist das Geräusch des Krieges nicht. Denn auch nach Deutschland kehren von ihrem Einsatz in Afghanistan mittlerweile viele "lebenstaube" Jungs zurück. Wie aus den lebensfrohen Pits und Michis schweigsame Peter und Michaels werden, wissen wir noch nicht. Bis einer von ihnen es eines Tages literarisch verarbeitet, wie Arkadi Babtschenko es getan hat.

(Die Rezension erschien am 25. April 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)