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Shalom Auslander: Eine Vorhaut klagt an

Im Zweikampf mit Gott: Shalom Auslanders tragikomischer Roman "Eine Vorhaut klagt an"

Von Marina Neubert

Man weiß nicht genau, ob man bei der Lektüre des autobiografischen Romans von Shalom Auslander "Eine Vorhaut klagt an" lachen oder weinen soll. Am besten tut man beides und gleichzeitig, dann wird man am ehesten der Intention des 39-jährigen New Yorker Autors gerecht. Seine Absicht ist offensichtlich: Der Autor, der in einer jüdisch-orthodoxen Familie in Monsey aufwuchs und dem die strengen Regeln des religiösen Daseins zu weit gingen, bricht aus dem Milieu aus und will sich von Gott endgültig befreien. Deshalb lässt er seinen Ich-Erzähler, der nun als Texter in einer Werbeagentur arbeitet, sich Pornofilme ansieht und nichtkoschere Schweinehotdogs mit Senf verspeist, eine Art Befreiungsbuch schreiben. In den USA wurde es übrigens zu einem der 50 besten Bücher des Jahres 2007 gewählt.

Wenn man sich aber von Gott auf die Art und Weise loszureißen versucht, wie der Ich-Erzähler des Romans dies praktiziert - indem er nämlich Hotdogs verschlingt und den Allmächtigen als einen "Dreckskerl" und "Schwanzlutscher" beschimpft - dann kann es nur zum tragikomischen Ad absurdum geführt werden. Tragisch einerseits, denn wer hat schon eine Chance, im Zweikampf mit Gott höchst persönlich zu gewinnen? Und komisch andererseits, weil Shalom Auslander über seine hilflosen und letztendlich auch misslungenen Befreiungsversuche mit schonungslosem Witz berichtet.

Man kann nicht anders als schmunzeln, wenn der Ich-Erzähler für eine Sitzung beim Psychologen 350 Dollar pro Stunde bezahlt, nur um sich von der Seele zu reden, dass er mehrmals am Tag dagegen ankämpfen muss, sich vor Gott "für jeden Scheiß" zu rechtfertigen. Er glaubt daran, dass Gott alles, was er mache, ihm persönlich übel nehme und ihn dafür bestrafe. Nun ist er, der sämtliche Regeln des orthodoxen Judentums bewusst gebrochen hat, von einer Wahnsinnsangst erfasst, weil seine Frau Orli schwanger wird: Er schreibt sogar Emails an Gott, mit der Bitte, "seinen Sohn für die Sünden des Vaters nicht zu töten". Und als der Kleine gesund und munter auf die Welt kommt, schreibt er eine Dankes-Email. Und wird auf den "Dreckskerl" noch mehr wütend, weil er ihm diese Email geschrieben hat.

Man kann nicht anders als lächelnd mit dem Kopf schütteln, wenn Shalom Auslander Gott für alles verantwortlich macht: Von den Prügeleien seines am Sabbat stets betrunkenen Vaters über seine eigene Potenzschwäche bis hin zum Holocaust. Man wird vom Autor in seinem rasanten, stakatoartigen Sprachtempo gar zu einer Art Lachen unter Tränen gezwungen, das an die beste Tradition der jiddischen Erzähltragikomik anknüpft, deren Selbstironie an Selbstbestraffung grenzt - von Joseph Roths "Hiob" über Isaac Bashevis Singers "Der Büßer" bis hin zu Philip Roths "Portnoys Beschwerden". Dabei kommt diese Tragik so komisch daher, wie nur das wirklich Traurige komisch sein kann.

Und nun? Gelingt es dem Ich-Erzähler im Endeffekt, den "Dreckskerl" loszuwerden? Zum Schluss sieht zwar alles danach aus - er hat sein Befreiungsbuch beendet und lebt ein ganz normales, säkulares Leben mit Frau, Kind und zwei "nicht-koscheren" Hunden auf dem Land. Doch in Wirklichkeit ist er nach wie vor von panischer Angst erfasst, Gott würde seinen Sohn und seine Frau für dieses Buch bestraffen. Oh, weh!

(Die Rezension erschien am 3.4.2009 in der Berliner Morgenpost)