Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Bernice Eisenstein: Ich war das Kind von Holocaust

Die Holocaustkrankheit - Bernice Eisenstein beschreibt die Ängste der Kinder von Überlebenden

Von Marina Neubert

Das Wort "auskurieren" ist in Mode. Man kuriert heutzutage viele Beschwerden schnell und erfolgreich aus. Und nichtsdestotrotz gibt es auch solche, die sich beim besten Willen nicht heilen lassen. Zum Beispiel chronische Krankheiten. Dass der Massenmord an europäischen Juden die ganze Holocaustgeneration chronisch angstkrank machte, was sich auf keinen Fall "auskurieren" lässt, ist kein Novum. Und solange Diagnostiker des schleichenden Übels wie Saul Friedländer oder Imre Kertész noch leben, würden sie rechtzeitig warnen, wenn die Krankheit auszubrechen droht. Doch was wird passieren, wenn sie einmal nicht mehr da sind?

Kürzlich, bei seiner Buchvorstellung "Brief an einen jüdischen Freund" in Berlin, plädierte der italienische Intellektuelle Sergio Romano dafür, den Holocaust nicht wie eine sonderliche Krankheit, sondern wie jede andere "unerhörte Tragödie" zu behandeln. Im Grunde kann man es ihm nicht verübeln, denn er persönlich wurde weder mit der Krankheit, noch mit ihren chronischen Escheinungsbildern direkt konfrontiert.

Wahrscheinlich muss man mit einer in Mutters Arm geritzten Häftlingsnummer aufgewachsen sein, um die Auswirkungen dieser Krankheit am eigenen Leibe zu verspüren. Morgens packt dir diese Nummer deinen Schulranzen zusammen und abends wäscht sie dich in der Badewanne. Und du fragst dich, werde auch ich so eine Nummer bekommen? Die Angst wird in der Kindheit aufgesogen. Die Autorin aus Toronto, Bernice Eisenstein, brachte es auf den Punkt: Du wirst holocaustkrank.

1949 in Kanada geboren, Mutter von zwei Kindern, erfolgreiche Zeichnerin, hat sie es nicht länger ausgehalten und das lang verschwiegene Geständnis der zweiten Generation nach dem Holocaust in ihrem Buch "Ich war das Kind von Holocaustüberlebenden" (Berlin Verlag, 2007) abgelegt.

Eisensteins Erinnerungen an das Kindsein-Müssen mit Eltern, die ihre "Augen und Seelen längst verloren hatten", sind von einer einmaligen, unübertroffenen Offenheit. Kaum ein anderer Autor hat sich dem Leser in den letzten Jahren so ausgeliefert, und kaum ein anderer hat dadurch so viel gewonnen. Dort, wo Eisenstein, da sie keine große Schriftstellerin ist, das Wort nicht ausreicht, weiß sie sich empfindsam und klug mit Zeichnungen zu helfen. Diese Zeichnungen stellen ihr Geständnis am eindringlichsten dar. Ein Schulmädchen denkt über ihre Eltern nach: "Wie soll ich denn fähig sein, in mein eigenes Herz zu blicken und ihres zu finden?"

Einst hat man Roberto Benigni vorgeworfen, er habe im Film "Das Leben ist schön" von der Perspektive des Kindes bei der Holocaustdarstellung profitiert. Doch genau das geschieht Bernice Eisenstein, die ihren Text in der Anmutung eines Kinderbuches illustriert, nicht. Weil ihr Mädchen sie selbst ist. Mit einfachen, unsentimentalen Metaphern übermittelt sie ihre Botschaft: Die Holocaustkrankheit ist vererbbar. Natürlich wäre es für uns alle gesünder, wenn es nicht so wäre. Doch sie ist gerade deshalb vererbbar, damit - wenn die großen Holocaustdiagnostiker nicht mehr da sind - der Ausbruch der Krankheit von ihren Kindern rechtzeitig verhindert werden kann.

(Die Rezension erschien am 26. Oktober 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)