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Dejan Enev: Zirkus Bulgarien

Dejan Enevs Anti-Helden im „Zirkus Bulgarien“ träumen vom besseren Leben

Von Marina Neubert

Da haust einer in einem unbeheizten Wohnblock und schwärmt von schicken Mädchen. Und eine andere ist eine schlecht bezahlte Krankenschwester in der Psychiatrie, die von der Existenz als literarische Muse träumt. Der Dritte ist ein bettelarmer Nachtwächter und Säufer. Irgendwie kommen uns die Typen und Geschichten ziemlich bekannt vor. Letztens hat schon Clemens Meyer für seine short stories über ebensolche Antihelden den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Natürlich sind sie es: Die Verlierer der modernen Gesellschaft a lá Meyer - aber sie sind gleichsam noch einiges mehr.

Viel mehr sogar, weil die tapferen Anti-Helden des bulgarischen Autors Dejan Enev, dessen wunderbare Kurzgeschichten "Zirkus Bulgarien. Geschichten für eine Zigarettenlänge" gerade auf Deutsch erschienen sind, nicht nur in ihren Neubausiedlungen vermodern, sondern noch in der Lage sind zu träumen. So versuchen sie, aus ihrer Tristesse etwas Menschliches herauszuholen. Sie sind - ebenso wie der in Sofia geborene, studierte Philologe Dejan Enev, der auch sich selbst als Nachtwächter und Krankenpfleger in dem wirtschaftlich öden Bulgarien eine Zeit lang durchschlagen musste - auf berührende Weise überlebungsfähig.

Das wäre zum Beispiel Geri, die junge Tochter einer gelähmten Müllsammlerin, die davon träumt, eines Tages als Fotomodel nach New York zu gehen. Doch was braucht ein Mädchen, um sich als Model bewerben zu können? Natürlich einen Jeansrock! Die schöne Geri prostituiert sich für dieses Stück Stoff und um ihrer Mutter nicht weh zu tun - denn die Alte hätte sofort gewittert, woher ihr Töchterchen diesen Luxus hat - nimmt sie statt des Rocks Geldscheine, die sie dann angeblich in einer Mülltonne findet.

Unsentimental und doch unter die Haut gehend, entlarvend und doch versöhnlich sind Enevs Kurzgeschichten, die er in den Jahren 1994 bis 2005 verfasst hat und die in seiner Heimat bereits in einer siebenbändigen Ausgabe erschienen sind. Eine Auswahl davon bekommt nun auch der deutsche Leser zu Gesicht. Einfach und präzise in ihrer literarischen Darstellung ist diese Auswahl tragisch und komisch zugleich, genauso eben wie der alte, gute Zirkus namens Leben.

(Die Rezension erschien am 18. April 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)