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Galina Dursthoff: Liebe auf Russisch

Wer liebt, ist verrückt – Galina Dursthoff hat Liebesgeschichten von russischen Autoren gesammelt

Von Marina Neubert

Was hat eigentlich die große, romantische Liebe mit Kochtöpfen, gebrauchten Socken und gemeinsamen Einkäufen zu tun? In der Weltliteratur fallen die Antworten auf diese Frage unterschiedlich aus. Während die europäischen und amerikanischen Autoren es in ihren Liebesgeschichten hin und wieder wenigstens versuchen, die romantische Liebe auf den Boden der Realität zu bringen, lassen die Russen sie meistens schon bei der ersten Berührung mit der Wirklichkeit scheitern.
Spätestens seit Tolstois Anna Karenina entwickelten sich die meisten russischen Liebesgeschichten - über die Jahrzehnte hinweg - zu einer leidenschaftlich-melancholischen Melange aus Sich-nach-der-ewigen-Liebe-Sehnen und dem kurzfristigen Liebesfeuerwerk, das erlöscht, noch bevor es zu einer häuslichen Herdflamme werden kann.
Die Literaturagentin Galina Dursthoff hat sich in diesem Frühjahr vorgenommen, hinter die Kulissen dieser Liebes-Absonderlichkeit á la russe zu blicken. Jeder deutschsprachige Verleger, der jemals mit der bereits seit Jahrzehnten in Köln lebenden "Russin mit dem Hut" zu tun hatte, wird der Autorin dieser Zeilen Recht geben: Sie brennt für die russische Literatur. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass sie sich auf das rätselhafte Terrain der "Liebe auf Russisch" (Ullstein, 2008) gewagt hat und in ihrer Sammlung mit Liebesgeschichten aus Russland 16 unterschiedliche Autoren hinter das Geheimnis ihres (Un)Glücks blicken ließ.
Beinahe jede Geschichte in Dursthoffs einfühlsamer Anthologie, die die Liebe aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet, lebt von dem Konflikt zwischen der zerstörerischen Kraft der Leidenschaft und der Unerreichbarkeit der Zweisamkeit. Die Figuren in den Erzählungen von Wladimir Sorokin und Eduard Limonow über Anna Politkowskaja und Swetlana Alexejewitsch bis hin zu Ljudmila Ulitzkaja und Juri Nagibin sind auch hin und her gerissen.
In Politkowskajas Erzählung "Wiktoria und Alexander" verstecken sich zwei behinderte Verliebte vor der Außenwelt, weil das Reale mit ihren Gefühlen nicht kompatibel zu sein scheint. In Sorokins "Sankas Liebe" kann sich Sanka mit dem frühen Tod seiner Natalja nicht abfinden und öffnet auf dem Friedhof ihr Grab. Und in seiner erzählten Beobachtung "Vor meinem Fenster" - mit Abstand der schönsten und literarischsten in dieser Anthologie - bringt Wenedikt Jerofejew den russischen Liebeskonflikt am deutlichsten auf den Punkt: "Von jeher wurden zwei Aspekte unseres Daseins unterschieden", stellt er nach der Beschreibung einer heißen Kussszene fest, "der sentimentale und der praktische; zu Ersterem gehören Chrysanthemen, Jours fixes, Träume, Küsse (...); der Letztere hingegen beschränkt sich fast nur auf Fuhrparks, Desinfektionsanstalten, Einkommenssteuern, Leberwurst und Fußlappen (...)."
Dass die Russen sich in ihrer Liebe gegen die alltägliche Normalität so vehement auflehnen, ist anscheinend ein sehr russisches Phänomen. "Ja, so ist sie eben, die Liebe auf Russisch: Ein bisschen verrückt", heißt es im Nachwort der Herausgeberin. Dieses literarische Eingeständnis ist Galina Dursthoffs Anthologie hoch anzurechnen.

(Die Rezension erschien am 30. Mai 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)