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Jan Böttcher: Nachglühen

Jan Böttcher beschreibt im Roman „Nachglühen“ den Verrat unter Jugendfreunden

Von Marina Neubert

Ein schreibender Sänger ist Jan Böttcher, der Gründer der "Herr Nilsson"-Band aus Berlin. Oder andersherum: Er ist ein singender Prosa-Autor, der für einen Auszug aus seinem neuen Roman "Nachglühen" beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im vergangenen Sommer den Ernst-Willner-Preis bekam. Er ist beides und somit ein Grenzgänger.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass ihn auch als Schriftsteller vor allem die Grenzsituationen, die Übergänge und die dabei entstehenden Konflikte am meisten reizen. Sein neues Buch ist ein Grenzgänger-Roman. Auf den ersten Blick geht es in diesem Roman, an dem Böttcher mehr als drei Jahre geschrieben hat, um zwei Männerschicksale: Um den Polizisten Jo Brüggemann und den Journalisten Jens Lewin, die in ein Dorf zurück kehren, das sie zu DDR-Zeiten verlassen hatten, um in den Westen zu gehen. Das Dorf liegt an der Elbe und gehörte somit vierzig Jahre zur DDR, zum Grenzgebiet - bis es nach der Wende wieder in Niedersachsen eingegliedert wurde.

Jo Brüggemann kommt also dorthin zurück, um seinen Großvater zu pflegen. Jens Lewin - um die Kneipe der Eltern zu übernehmen. Doch es gibt etwas, was die beiden Jugendfreunde auf eine unglückliche, tragische Weise miteinander verbindet: Der Verrat. Darüber sprechen sie nicht, sie gehen sich eher aus dem Weg. Solange, bis Jens' Frau Anne sich mit Jo anfreundet und schließlich die Schweige-Grenze überschreitet.

Sobald Anne die Vergangenheit unbewusst wieder aufleben lässt, wird es klar, dass es Jan Böttcher in seinem neuen Roman in erster Linie um ein dramatisches Nach-Skizzieren von Auswirkungen des Lebens im Grenzgebiet geht, das nicht nur zwei deutsche Staaten von einander getrennt, sondern auch gravierende Folgen für einzelne Menschenschicksale hatte.

Ein Freundesverrat, der den einen in den DDR-Knast bringt. Wie geht man damit nach all den Jahren um, wenn man dem Verräter gegenüber steht? Rächt man sich für die verlorenen Jugendjahre? Diese Fragen stellt Böttcher in seinem Roman nicht nur seinen Figuren, sondern auch sich selbst. Um konkrete Antworten geht es ihm nicht. Eher um das Nach-Fragen, Nach-Bearbeiten, um das Nachglühen der Vergangenheit.

(Die Kurzrezension erschien am 30. Mai 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)