Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Der Gärtner und das Mädchen – Die Berliner Autorin Jenny Erpenbeck gehörte mit ihrem Roman „Heimsuchung“ zu den Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2008

Von Marina Neubert

Irgendwann in einem Haus an einem märkischen See lebte ein Gärtner. Niemand wusste, wo er her kam. Er sprach wenig, arbeitete viel. Zu seinen Aufgaben gehörte es, den Kartoffelkäfer, der im Jahr 1936 den Rhein überschritt und später Berlin erreichte, von den Blättern der Engelstrompete im Garten seines Hausbesitzers zu sammeln. Der stille, fleißige Gärtner ist nur eines von den vielen Einzelschicksalen in Jenny Erpenbecks neuem Roman "Heimsuchung", das von der Autorin wie kleine Käfer behutsam aufgesammelt und über Jahrzehnte hinweg - von der Weimarer Republik bis heute - begleitet werden. Solange, bis ein großes Mosaik der deutschen Geschichte entsteht.

Es gibt Mosaiken, die aus losen Bruchstücken geformt sind und nur als Gesamtbild Bedeutung erhalten. Und es gibt andere, die aus Einzelbildern zu einem großen Kunstwerk zusammengesetzt werden. Ein Besucher der Züricher Fraumünsterkirche kann beispielsweise in Marc Chagalls Glasmosaik mehrere Bilder erkennen. Ebenso offenbart sich dem Leser von Erpenbecks "Heimsuchung" nicht nur ein in Tausend Farben flirrendes, vielschichtiges Gesamtbild des Jahrhunderts, sondern auch ein Dutzend voneinander unabhängiger und sehr persönlich erzählter Lebensgeschichten.

Genauso wie Chagalls Mosaik verdanken auch diese Geschichten ihren Zauber vor allem einer Tatsache: Sie besitzen Seele. Doch wenn Chagalls Seele den ruhigen Abschied des Meisters von seiner Heimat auszudrücken vermag, ist die Seele der "Heimsuchung" verwundet und sehnsuchtsvoll zugleich. So groß ist ihre Wunde und so stark ist ihre Sehnsucht, endlich Frieden zu finden, dass es unmöglich ist, nicht mit Erpenbecks Figuren mitzufühlen.

Mit dem Berliner Architekt, der ein Grundstück an einem märkischen See kauft, sich und seiner Frau dort ein Haus baut und es nach dem Krieg überstürzt verlässt, weil er aus der DDR fliehen muss. Oder mit der Schriftstellerin, die nach dem Krieg aus dem russischen Exil heimkehrt und der das Haus, auf das immer wieder juristische Ansprüche geltend gemacht werden, zur neuen Heimat wird, die sie nicht noch einmal verlieren will.

Ähnlich wie Alessandro Baricco in seinem Roman "Oceano Mare" hat Jenny Erpenbeck ihre Heimsucher durch einen Ort miteinander verbunden. Doch während Bariccos Pensionsgäste versuchen, ihre Liebe zum Meer zu ergründen, streben Erpenbecks Figuren danach, ihr Zuhause am märkischen See zurück zu gewinnen. Ob es ein Stück Erde ist, oder ein Haus, oder auch ein nur in die Gedanken heimgeholtes Land, ist unbedeutend. Viel wichtiger ist das Gefühl, wieder anzukommen, heimisch zu sein, das Gefühl, das Ursprung allen Lebens bedeutet, doch diesen Menschen durch die gesellschaftlichen und politischen Verheerungen abhanden gekommen ist. Deshalb sehnen sie sich auch nach einem Ort, der jenseits von dem ist, was man verlieren kann.

Der schweigsame Gärtner, namenlos, ohne Herkunft und erkennbares Ziel, scheint zugleich auch der kaum sichtbare Zauberstab zu sein, der alle Heimsucher durch den Roman führt. Eine rätselhafte Figur und eine Geschichte, die keinen Anfang und kein Ende kennt, die teilweise in einen überzeitlichen Kontext gerückt wird - das ist das literarische Geheimnis Jenny Erpenbecks, mit dem sie bereits in ihrem Prosadebüt "Geschichte vom alten Kind" (1999) mit einem Mädchen, das am Ende ihrer Kindheit vergreist, eine Welt der Vergänglichkeit schuf. In ihrem neuen Roman lässt sie ihr Mädchen wieder jung werden, in Gestalt der zwölfjährigen Doris, Tochter jüdischer Eltern, denen das Haus am märkischen See auch einmal gehörte. Kurz bevor Doris von den Nazis erschossen wird, ist sie voller Hoffnung und glaubt, wieder nach Hause gefunden zu haben. Ein kleines Mädchen, das kurz auftaucht, um zu leben, doch diese Welt wieder verlassen muss, eine Art Wiedergeburt von Rabindranath Tagores Tanzmädchen, von Truman Capotes Miriam und letztendlich von Spielbergs Mädchen im roten Mäntelchen, das in der "Schindlers Liste" durch das schwarzweiße Bild des Todes läuft.

Es ist ein immer wieder schimmerndes Licht in tiefster Dunkelheit, dass man eigentlich nicht sehen kann, nicht sehen darf, und trotzdem sieht - die durchgehende Metapher in Erpenbecks literarischer Welt. Am Ende des Romans verlässt der alte Gärtner das Haus am märkischen See. Unmittelbar danach wird es verkauft und abgerissen.

War die Heimsuchung erfolglos? Die Dialektikerin Jenny Erpenbeck, die ihre Geschichten stets dort beginnt, wo sie gerade aufzuhören scheinen, lässt diese Frage offen. Die letzte "unberechtigte Eigenbesitzerin" des Hauses übergibt es in Investorenhände. Sie verabschiedet sich von ihrem Heim, so wie man sich von den Toten verabschiedet, die man geliebt hat, und von der eigenen Kindheit, die niemals wiederkehrt. Doch für Jenny Erpenbeck ist das Vergangene zugleich die Grundlage für den Antritt der nächsten Heimreise. "Niemals", schreibt sie, "ist der Hausfrieden größer gewesen als an dem Tag, an dem sie ein letztes Mal abstaubt, fegt, wischt und bohnert, an dem sie alle Fenster, die sich öffnen lassen, noch einmal aufmacht, um frische Luft in das Haus zu lassen." Ein großartiges Mosaik der Heimsuche.

(Die Rezension erschien am 15. Februar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)