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Margaret Atwood: Moralische Unordnung

Rückzug ins Private - Margaret Atwoods „Moralische Unordnung“ ist ein persönliches Buch geworden, eine fiktive Autobiografie

Von Marina Neubert

Margaret Atwood - die derzeit bedeutendste Vertreterin der kanadischen Literatur - wurde hierzulande vor allem durch Volker Schlöndorff bekannt. Sie gehört neben Günter Grass zu den glücklichen Autoren, deren anspruchsvolle Werke durch Schlöndorffs Filmkamera zu Lieblingen des großen Publikums wurden. Den kleinen David Bennent mit der Blechtrommel haben viele sofort vor Augen, sobald der Name Oskar Matzerath fällt. Und seit 1990 verbindet man auch den Namen der Grande Dame der kanadischen Gegenwartsliteratur mit Schlöndorff: Er hat ihre großartige Gesellschafts-Utopie "Der Report der Magd" als "Die Geschichte der Dienerin" mit Robert Duvall in einer Hauptrolle als monströser Kommandant Fred verfilmt.

Bereits vor dreiundzwanzig Jahren hatte die hellsichtige Atwood - die schließlich für ihre Familiensaga "Der blinde Mörder" im Jahr 2000 den renommierten Booker-Preis erhielt - mit ihrem Roman "Der Report der Magd" ein düsteres Katastrophen-Szenario der "Republik Gilead" entworfen, in dem ein autoritärer, christlich-fundamentalistischer Gottesstaat seine gebärfähigen Frauen als Fortpflanzungsmägde behandelt. Schon damals, drei Jahre bevor Salman Rushdies "Satanische Verse" als Abrechnung mit dem islamischen Extremismus erschienen, hatte Margaret Atwood die Öffentlichkeit vor der Gefahr eines religiösen Fanatismus gewarnt.
Parallelen zur Autorin

Nun hat die scharfsinnige Kanadierin ein neues Buch geschrieben, das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verfilmt werden wird. Denn "Moralische Unordnung" ist ein sehr privates, sehr persönliches Buch geworden, eine Art fiktive Autobiografie, die auch als solche für sich bleiben möchte. Margaret Atwood erwähnte zwar bereits in einigen Interviews, dass die Ich-Erzählerin Nell in ihrem neuen Buch nicht mit ihr selbst identisch sei, doch im gleichen Atemzug gestand sie, dass alle von ihr beschriebenen Ereignisse in der "Moralischen Unordnung" real seien. In dem Sinne hätte die alternde Literaturdozentin Nell - sie ist etwa gleichen Jahrgangs wie die Autorin, die als Lehrerin, Universitätsdozentin und freie Lektorin gearbeitet hat - auch Atwood selbst sein können.

Genau genommen ist die "Moralische Unordnung" auch kein Roman, sondern eine chronologisch angeordnete Verknüpfung von elf kurzen, zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen Erzählungen. Diese werden von derselben Hauptfigur zusammengehalten. Das Buch beginnt mit der Geschichte "Die schlechten Nachrichten". Es ist die einzige Erzählung, die aus der gesamten Chronologie ausbricht, um Nells Lebensgeschichte behutsam auf ein Boot zu laden und es im Fluss der Erinnerungen langsam dahin gleiten zu lassen.

Nell und Tig, ein älteres Ehepaar, starten in ihrer Toronter Wohnung gemeinsam in den Tag. Er - mit gewöhnlich "schlechten Nachrichten" aus der Zeitung, die er bei seiner Frau unbedingt loswerden will. Sie - noch im Bett, unbehelligt von der Außenwelt: "Nicht vor dem Frühstück, sage ich, du weißt doch, dass ich so etwas so früh nicht haben kann."

Doch bald schon steht Nell auf und gesellt sich zu ihrem Mann. Als sie ihn wieder über die schlechten Neuigkeiten klagen hört, tröstet sie ihn. Wie sie es schon immer getan hat, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Seit ihrer ersten Begegnung, als der junge Tig noch mit der Schriftstellerin Oona unglücklich verheiratet war, als Nell, damals Oonas Lektorin, um ihren Geliebten kämpfen musste, als die beiden aufs Land flohen und eine Farm pachteten, mit wilden Möhren, Gänsedisteln und Kletten. "Wir haben's überlebt!", sagt Nell und spendet Trost. Wie immer.
Erinnerung an Nabokov

Das sind Rituale einer lang währenden, vertrauten Zweisamkeit. Rituale, die sehr persönlich, aber auch allgemein zu sein scheinen. Man erinnert sich unwillkürlich an das alternde Ehepaar Vera und Vladimir Nabokov. In Montreux am Genfersee, wo die beiden ihren Lebensabend verbrachten, regte sich Nabokov oft über die schweizerischen Gazetten auf, woraufhin die geduldige Vera zu sagen pflegte: "Auch das werden wir überleben!"

Geduld mag wahrscheinlich auch eine der wertvollsten Charaktereigenschaften von Atwoods Ich-Erzählerin Nell sein, die in den weiteren zehn Geschichten die wichtigsten Stationen ihres Lebens Revue passieren lässt: Von der Kindheit im Norden Kanadas in den Vierzigerjahren, über die Jahre als freie Literaturdozentin, samt unzähligen Liebesaffären und der schicksalhaften Begegnung mit Tig, bis zur Gegenwart, dem Sterben der Eltern und dem eigenen Älterwerden.

Besonnenheit und Gelassenheit zeichnen sowohl die sensible Figur der Nell als auch Margaret Atwood selbst aus. Denn im Grunde genommen: Hätte die beinahe 70-jährige Autorin diese nachgiebige und weise Art zurückzuschauen nicht beherrscht, wäre ihre "Moralische Unordnung" nur eine gut gelungene Familiengeschichte geworden, eine voller Witz, Scharfsinn und Selbstironie. Doch zum Glück ist das Buch weit mehr - es ist eine sichere und beispielhafte Heimstätte ihrer persönlichen Erinnerungen geworden. Das, was noch gesagt werden musste, hat Atwood nieder geschrieben. Denn was einmal auf dem Papier festgehalten ist, geht ihr nicht mehr verloren.

(Die Rezension erschien am 15. August 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)