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Michail Bulgakow: Hundeherz

Das Menschenherz ist grundsätzlich schwach - Der Arzt und Autor Michail Bulgakow rechnet in seiner Satire „Hundeherz“ (1925) mit dem Sozialtypus Sowjetbürger ab

Von Marina Neubert

Das menschliche Herz ist unterschiedlich belastbar. Das wussten die Diktatoren immer schon auszunutzen - auch im Umgang mit ihren Kritikern. Anna Politkowskajas Herz war zu stark, so dass es zum Stillstand gezwungen wurde. Das Herz des russischen Romanciers und Satirikers Michail Bulgakow, der der Weltliteratur auch den Roman "Der Meister und Margarita" beschert hat, hörte im Jahr 1940, am tragischen Höhepunkt der stalinistischen Hetzjagd auf Andersdenkende, von alleine auf zu schlagen. Die Ursache: Herzschwäche.

Dabei war er, der praktizierende Arzt aus Kiew, der seine Medizinkarriere aufgab, um sich voller Entschlossenheit seine Verachtung dem Sowjetregime gegenüber von der Seele zu schreiben, erst 49 Jahre alt.

Bereits 1925, mit Vierunddreißig, hatte er seine bedeutendste satirische Novelle "Hundeherz" geschrieben, die im bolschewistischen Russland viel mehr als eine Provokation war. Seine engsten Freunde bezeichneten sie gar als einen "literarischen Selbstmordversuch". In der Tat: Nur ein Jahr nach Lenins Tod hat Bulgakow dem gerade geborenen Sozialtypus eines "homo sovieticus" den Krieg erklärt. Er musste das bolschewistische System so sehr verabscheut haben, dass er es über sich brachte, gegen den Menschen an sich Front zu machen. In "Hundeherz" griff er den gottlosen, banalen, ungebildeten Sowjetbürger, der Lenins Aussage "Sogar eine Köchin könne den proletarischen Staat regieren!" als ernsthafte Aufforderung verstand, entschieden an.

Der Chirurg Preobrashenski nimmt den Straßenhund Bello bei sich auf, um ihm die Organe eines einfachen Mannes einzupflanzen. Es entsteht ein dem Menschen ähnliches Wesen - Bello verwandelt sich binnen weniger Wochen in den Sowjetgenossen Bellow, der auf den Hinterbeinen geht und alle fünf Minuten ein neues Schimpfwort spricht. Je mehr er Mensch wird, desto mehr flucht er, belästigt Frauen, trinkt, stiehlt und denunziert. Desto mehr wird auch sein Herz zum schäbigsten und gemeinsten aller menschlichen Herzen - dem eines Sowjetmenschen. Das Menschenherz grundsätzlich ist aus Bulgakows Sicht schwach und verletzend, doch das Herz eines "homo sovieticus" sei am gefährlichsten: Weil es kein Wertesystem besitze.

Natürlich war Bulgakow in der russischen Literatur der 20er Jahre, als die Satire eine bevorzugte Stellung einnahm, mit seinen stichelnden Werken nicht allein. Auch Michail Zoschenko, Ilja Ilf und Evgenij Petrov verspotteten in ihren Erzählungen und Stücken die "toten Seelen" Gogolscher und neuerer Herkunft. Doch Bulgakows Satiren gingen über das Verspotten hinaus. Sie zeichneten sich durch eine direkte Polemik mit dem Sowjetsystem aus. Und sein "Hundeherz" ging dabei am weitesten: Es traktierte den Triumph des Banalen im Gebaren der siegreichen Klasse. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass die Novelle weder zur Stalinzeit, noch zu Chruschtschows, Breschnews, Andropows - oder Wie-sie-alle-auch-hießen-Zeit veröffentlicht wurde. Erst nach dem Beginn der Perestrojka ist das Buch 1987 publik geworden. Ein kleines Wunder ist dennoch, dass es im putinschen Russland nicht wieder verboten wurde.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 27. Juli 2007)