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Nora Ephron: Der Hals lügt nie

Glücksratgeber können analysieren oder schwadronieren, aber nicht wirklich helfen – wie es unter anderen Nora Ephrons „Der Hals lügt nie“ (2007) beweist

Von Marina Neubert

Für das Glück gibt es keinen richtig guten Ersatz, deshalb sollte man es keinesfalls verpassen. Muss man auch nicht, denn dafür stehen einem wohl an die Hundert Meter Ratgeberliteratur in den Buchhandlungen zur Verfügung. "Was kann einen modernen Menschen glücklich machen?", fragen sich immer wieder die Autoren. Denn eines wissen sie mittlerweile: Auch Wirtschaftswachstum, Wohlstandsgewinne und Konsum machen nicht glücklicher. "Moderne Menschen sind wie Hamster im Rad", schrieb kürzlich die "Sunday Times". Die Glücksforscher nennen das die hedonistische Tretmühle, das heißt, an den erreichten Standard gewöhnen wir uns viel schneller als er uns glücklich machen könnte.

"Das Glück liegt auf der Hand", "Neun Wege zum Glück", "Du schaffst es!" - so oder so ähnlich lauten die neuen und alten Titel, deren Autoren versuchen, gegen die hedonistische Tretmühle anzukämpfen und uns den Weg zum ersehnten Glück auch fürs nächste Jahr zu weisen. Sie beraten ausführlich darüber, was wahres Glück ist, sie stellen großzügig Bühnen zur Darstellung und Ausstellung individuellen Glücks zur Verfügung und glauben, dem Einzelnen zum Glück verhelfen zu können - sei es, dass die Ratgeber Streitigkeiten schlichten, Liebesbotschaften überbringen oder Trauungen organisieren.

Doch gerade die Überfülle solcher Bücher beweist, dass es um den Erfolg unserer Glücks-Bemühungen gar nicht gut bestellt ist. Wären wir glücklich, bräuchten wir keine Ratgeber.

Womöglich wollen einen die meisten auch gar nicht beraten. Die prominente Hollywood-Drehbuchautorin Nora Ephron ("Schlaflos in Seattle", "Harry und Sally") beispielsweise hat ein Buch geschrieben, in dem sie selbstironisch und scharfsinnig erklärt, wie sie für sich selbst ein bisschen Glück aus dem Alltag heraus holt. "Der Hals lügt nie" (Limes Verlag, 14,95 Euro) ist kein Ratgeber, sondern die kluge Plauderei einer alternden Frau über ihr Lebensglück. "Ich gehe zweimal in der Woche in einen Friseursalon und lasse mir die Haare machen. Das macht viel bessere Laune", sagt Nora Ephron - und hat zweifellos Recht. Denn das Herbeiführen einer kleinen Verbesserung im eigenen Leben, auch wenn manchmal nur Locken gedreht werden, kann die Stimmung heben.

Auch das neue Buch von Stefan Maiwald "Die kleinen Freuden des Lebens" (dtv, 7,95 Euro) ist alles andere als ein Ratgeber. Es ist ein launiges, teilweise sehr privates Tagebuch über die Glücksmomente eines Journalisten, der zwischen München, wo er arbeitet, und Italien, wo seine Familie lebt, pendelt und keinen einfachen Alltag zu bewältigen hat. Nun erzählt er uns mit Humor und voller Leichtigkeit von den alltäglichen Kleinigkeiten, die ihm gute Laune bereiten. Zum Beispiel: Unter der Dusche einen Popstar imitieren, lästige Mails als "gelesen" markieren und vergessen oder während der Arbeitszeit im Lieblingsbuch blättern. Einfach so.

Stefan Maiwald ist weit davon entfernt, den Leser belehren zu wollen, welche neun oder zehn Schritte man zum eigenen Glück zu überwinden hat. Er will lediglich mitteilen: Pass auf, es gibt kein Rezept fürs Glück, aber ich selbst habe in den kleinen Freuden des Lebens den Weg aus der Misere gefunden. Der Glückliche.

(Die Kolumne erschien am 28. Dezember 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost und am 3. Januar 2008 in Welt kompakt)