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Silvia Bovenschen: Verschwunden

Protokoll des Verschwindens – Die Berliner Autorin Silvia Bovenschen schreibt fiktive Geschichten über die tägliche Angst um ihr Leben

Von Marina Neubert


Hat sich schon mal jemand gefragt, wohin ein Mann nach dem berüchtigten "Ich-geh-nur-mal-Zigaretten-holen" wirklich geht? Er kann doch nicht einfach spurlos von der Erdoberfläche verschwinden! Vielleicht gibt es ja eine Sammelstelle für die Zigarettenholer? Und wo kommen beispielsweise menschliche Körperteile hin, die während einer Operation abgeschnitten werden? Maria, eine der Erzählerinnen im jüngsten Buch "Verschwunden" der Berliner Autorin Silvia Bovenschen, fragt sich nicht zu Unrecht: "Wo kommt das dann hin, all die Schilddrüsen, die Blinddärme, die Brüste, das abgesaugte Fett (...), gibt es da einen Sondermüll?" Oder verschwindet alles, löst sich im Nichts auf?
Um das Verschwinden geht es allen Figuren in diesem in nur knapp vier Wochen geschriebenen Protokoll-Roman von Silvia Bovenschen. Die Entstehungsgeschichte dieses fiktiven Protokolls - oder genauer gesagt fiktiver Protokolle, denn es handelt sich um vierzehn Beteiligte, die auf Bitte der schwer erkrankten Freundin Daniela ihre eigenen Geschichten vom Verschwinden erzählen - ist nicht weniger einzigartig als das Buch selbst.
Geschichten nach der Diagnose
Nach dem großen Erfolg von "Älter werden" (2006), diesem kleinen, schmalen Büchlein, in dem es Silvia Bovenschen als Essayistin mit umfassendem soziologischem und philosophischem Werkzeug gelang, sich dem Thema "Alter" nicht nur einfühlsam anzunähern, sondern mit Gelassenheit und Weisheit einer erfahrenen Autorin auch noch anschaulich zu machen, wie sich das Alter tatsächlich anfühlt, entschied sie sich, Geschichten für ihr nächstes Buch zu sammeln. Und plötzlich drängte sich das Unerwartete, das Ungeheuere ins Leben der bereits seit Jahrzehnten an Multipler Sklerose leidenden Bovenschen hinein: die Krebsdiagnose.
Das Einzige, was der mutigen Frau geholfen haben soll, ihre Panik zu überwinden, war das Aufschreiben ihrer noch nicht gesammelten Geschichten. Sie dachte sich diese Geschichten selbst aus, und zwar zu einem Thema, das wie kein anderes das Ausmaß der erschreckenden Diagnose zu erfassen versuchte: Das unerklärbare Verschwinden von Menschen, Dingen, Gedanken, Gesundheit und letztendlich auch das Verschwinden von Erinnerung.
Die schwer kranke Daniela Listmann lässt sich von ihren Freunden und Bekannten unterschiedlichste Geschichten vom Verschwinden erzählen. In ihre Sammlung nimmt sie ebenso die letzten Tagebucheintragungen ihrer an Suizid gestorbenen Freundin Celia auf wie die Monologe von Frederike, die jene bei den gemeinsamen Jour-fixe-Treffen vortrug.
Wer ist nun diese Daniela Listmann, die nicht mehr in die Welt hinaus kommt und gegen das eigene Verschwinden anzukämpfen versucht? Zum größten Teil ist es Silvia Bovenschen selbst. Ebenso wie die anderen fiktiven Autoren ihrer Gesprächsmitschnitte oder Monologe und Tagebuch-Niederschriften ein gemischtes Echo des Bovenschen Ichs sind.
Silvia Bovenschen selbst ist die Frederike, die über ihre eigene Definition der täglichen Panik und Angst um ihr Leben als "eine leise, aber doch allgegenwärtige Angegriffenheit" reflektiert. Sie ist auch der Gustav, der die außergewöhnlichste aller Geschichten von einer Amerikanerin erzählt, die auf offener Strecke aus dem Zug steigt und nie wieder zurückkehrt. Sie ist ebenfalls die Bea, die das Vorhaben, das Verschwinden in seinen unterschiedlichen Formen zu protokollieren, unter die Lupe nimmt. Sie ist die Isolde, die dieses Verschwinden und seine Folgen für die Zurückgelassenen als einen Krankheitsbegriff auffasst. Und sie ist letztendlich auch die Celia, die ihr eigenes Verschwinden Tag für Tag vorbereitet und es als "ein Gleiten aus den Tagen" dokumentiert.
Alle Figuren haben ihre Sprache
Doch Silvia Bovenschen übernimmt nicht nur jede Rolle in ihrem neuen Buch. Alle Erzähler im Buch "Verschwunden" sprechen ebenso ihre Sprache: Sie gesteht als Autorin keiner ihrer Figuren einen eigenen Ausdruck zu. Auf den ersten Blick mag es als eine stilistische Schwäche des Romans erscheinen. Doch auf den zweiten, genaueren Blick wird die Intention der Autorin umso deutlicher: Bovenschen versucht auch die Sprache der Erzähler zum Verschwinden zu bringen - sobald deren Geschichten zu Ende sind. Und es gelingt ihr mit eben solcher Gelassenheit und Ehrlichkeit, wie es bereits vor zwei Jahren im Buch "Älter werden" geschah: Sie hält auf knappen 170 Seiten ihre eigene Sprache - und somit das eigene Verschwinden - für den kurzen Augenblick der Lektüre auf.
Von Anfang an hatte sich Daniela Listmann - oder besser gesagt Silvia Bovenschen - etwas sehr Mutiges vorgenommen: Sie wollte ihr eigenes "Gleiten aus den Tagen" mit allen Mitteln verhindern. Sogar um den Preis, dass dafür die anderen Figuren verschwinden mussten. Wie ein bitterer Selbstvorwurf wirkt am Ende des Buches die Niederschrift über die letzten Tage von Celia, in der sie ihren Selbstmord systematisch vorbereitet, während Daniela die Geschichten meist vom irrealen Verschwinden sammelt.
Kein leichtes Unterfangen muss es für Bovenschen gewesen sein, sich sowohl dem allgemeinen Phänomen literarisch anzunähern als auch gegen die eigene Angst vom Verschwinden anzukämpfen. Wie lange diese Gegenwehr gelingen vermag, lässt sie offen: "Was meinst du", fragt einer ihrer Erzähler, der Anton, zum Schluss, "wird diese traurige Wendung das Buch vom Verschwinden zum Verschwinden bringen?"

(Die Rezension erschien am 23. Mai 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)