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Thomas Bernhard: Meine Preise

Scheck nehmen und gehen: Thomas Bernhards Erklärungen, warum er verhasste Preise annahm

Von Marina Neubert

"Wie sind Österreicher, wir sind apathisch; (...) Wir haben nichts zu berichten, als dass wir erbärmlich sind." Ein Zitat aus der Dankrede von Thomas Bernhard (1931-1989) bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literatur (1967). Der Skandal, der danach folgte, gehört zur Literaturgeschichte. Der überkritische Preisträger zog in seiner Ansprache sein Heimatland durch den Kakao - wie immer -, und der beleidigte Minister verließ mit rot angelaufenem Gesicht den Saal.

So war er im Übrigen, einer der meist verunglimpften, deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Stets unzufrieden, oft beleidigend, und fast immer schimpfend. Gut: Seine Wiener Lieblingstante, eine elegante ältere Dame zum Beispiel, hat er verschont. Und vielleicht noch einiges, was ihm am Herzen lag.

Sonst protestierte der bekannte österreichische Pessimist sein Leben lang gegen die Umwelt. Seine Romane, Geschichten, Dramen sind nichts anderes als ein rebellischer Aufschrei von höchster literarischer Qualität gewesen. Den Literaturbetrieb hasste Thomas Bernhard wie die Pest. Aber er hasste auch sich selbst dafür, dass er ein renommiertes Teil dieses Betriebs war: Denn wie die böse Ironie des Schicksals es wollte, gehörte Bernhard zu den meist ausgezeichneten Literaturpreisverächtern seiner Zeit.

Nach jeder Preisvergabe quälte ihn mehr oder weniger, das Geld entgegengenommen zu haben, das ihn mit dem ganzen "Zirkus" in Verbindung brachte. Seine jüngst erschienenen Aufzeichnungen "Meine Preise" (Suhrkamp, 15,80 Euro) - ein bitterkomischer Prosatext aus dem Nachlass des Autors, in dem er sich in neun Kapiteln über die Umstände seiner Literaturpreisvergaben ausläst - ist ein virtuoser Versuch, sich selbst reinzuwaschen. Zu begründen, warum er die für ihn schäbige Rolle des Preisempfängers spielen und die ahnungslosen Grußworte der Funktionäre, die leidlichen Streichquartette mit schlecht gespielten Mozart-Stücken oder die desinteressierten, in der ersten Reihe schnarchenden Ministerinnen in Kauf nehmen musste.

"Immer nur Mut", redete er sich schon bei der Verleihung der Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ein, "mache alles, was jetzt mit dir geschieht, mit und nehme den Scheck über achttausend Mark an dich und verschwinde". Weitere 10 000 DM, die ihm der Bremer Literaturpreis etwa einbrachte, verwendete er als Anzahlung für den Erwerb des Vierkanthofes. Für die 5000 DM des Julius-Campe-Preises kaufte er sich das erste (Luxus-)Auto seines Lebens.

Ging es dem härtesten Kritiker der menschlichen Laster nur ums Geld? Nur um die Konsumgüter einer "verdorbenen" Welt, die er so stark verabscheute? Sein letzter Versuch, sich mit eigenem "Bürgerrecht" zu rechtfertigen: "Ich nehme das Geld, weil man dem Staat, der jährlich nicht nur Millionen, sondern Milliarden völlig sinnlos zum Fenster hinauswirft, jedes Geld abnehmen solle." Tja... Dann hätte er dieses Geld wenigsten den Hungrigen dieser Welt weiter spenden können...Nichts desto trotz besteht die große Kunst seiner meisterhaften, selbstironischen Prosatexte darin, dass er den deutschsprachigen Kulturbetrieb ernsthafter denn je entlarvt hat - und das auf eine leichte, komische Art und Weise.

(Der Artikel erschien am 23.1.2009 in der Berliner Morgenpost)