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Ulla Berkewicz: Überlebnis

Ihre Swatch tickt in seinem Grab - Schriftstellerin Ulla Berkéwicz hat das Ergebnis ihrer langjährigen Trauerarbeit vorgelegt: „Überlebnis“ (2008)

Von Marina Neubert

Ulla Unseld-Berkéwicz hat im Jahr 2002 ihren Mann verloren. Der Tod hat sich in seiner Person gleich zwei genommen - den Privatmann und den im Glanz der Öffentlichkeit jahrzehntelang gestandenen Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld. Seine Ehefrau, die Schriftstellerin Ulla Berkéwicz, hat nun das Ergebnis ihrer langjährigen Trauerarbeit vorgelegt: "Überlebnis". Darin versucht sie, die individuelle Erfahrung ihres Mannes als Erfahrung des Sterbenden im Allgemeinen zu erfassen. Auf knappen 140 Seiten, eingebunden in Bilder aus der Kindheit der Ich-Erzählerin, sucht sie im Buch auch für ihre eigene Trauer - eigentlich das Unaussprechbare und Sprachlose - nach Worten und Sätzen. Das Resultat ist zweigeteilt.
"Der Tod hat es mir angetan, von Anfang an", schreibt sie im "Überlebnis". Und nicht, weil sie das Leben nicht genug lieben würde, sondern weil sie immer schon - bereits als kleines Mädchen, das ihrer Oma immer wieder die gleiche Frage stellte - wissen wollte, was mit den Toten nun geschehe? In ihrer Debüterzählung "Josef stirbt" (1982), mit der sie bekannt wurde, beginnt Berkéwiczs literarische Auseinandersetzung mit dem Tod. Damals betreute sie einen alten Bauer Josef auf dem Dorf und protokollierte jede Einzelheit seines Sterbens: nüchtern, handfest und doch anrührend. Zwei Jahre später erschien eines der schönsten und eindringlichsten ihrer "Todeswerke" - die Parabel "Michel, sag ich", die umgedrehte "Orpheus und Eurydike"-Saga, in der es die liebende Frau ist, die ihren Mann aus der Unterwelt ins Leben zurückholen will.
Doch was geschieht nach dem Tod, wenn es einem misslingt, den geliebten Menschen zurück ins Leben zu holen? Anders als in den früheren Werken, stellt Berkéwicz in ihrem jüngsten Buch fest, das Geheimnis des Todes befinde sich im Herzen des Lebens: In so einem Fall muss der Tod wohl zum Leben gehören, ein Teil des Ganzen sein, und nur so ließe er sich "überleben". Indem sie ihre eigene Liebesgeschichte erzählt, setzt sie den Tod ihres Geliebten in direkte Beziehung zum Lebendigsten, was das Menschenleben bisher hervorgebracht hat - zur Liebe. Alles, was in ihrem Buch geschieht - für das eine Genrebezeichnung eher eine Verengung bedeuten würde als eine Aufwertung - bewegt sich in einem Spalt zwischen Liebe und Tod.
Einerseits sucht die Todeskrankheit wie ein furchtbarer Sturm die beiden Liebenden heim, wirft sie in das eiserne Maul der Monitore über den Krankenbetten, in die kalten, abweisenden Hände der Krankenhauspfleger, frisst Tag für Tag den Körper des Mannes auf. Doch auf der anderen Seite wird die Kraft ihrer Liebe - im Kampf gegen den Sturm - binnen kurzer Zeit mindestens so stark wie die des Todes. Und nach dem Tod des Mannes stellt sich die Ich-Erzählerin die rätselhafte Frage: Ob die Zeit des Sterbens nicht gar ihr eigentliches Leben gewesen sei, das Ausdrucksstärkste, das Intensivste?
Die knappe, sehr subjektive und radikale Darstellung des Erlebten auf der Krankenhausstation, die gewonnenen Erkenntnisse der Ich-Erzählerin und die des Sterbenden sprengen unsere gewohnten Vorstellungen über die Endgültigkeit des Todes. Berkéwicz lässt im "Überlebnis" die Zeit nach dem Tod ihres Mannes weiter gehen: "Ich hatte ihm meine Swatch geschenkt, weil seine Rolex stehngeblieben war", schreibt sie, "Er hat sie anbehalten. Jetzt tickt sie in seinem Grab. Die Zeit tickt." Und am Ende des körperlichen Lebens des Einen bleibt ein großes Staunen der Anderen: darüber, dass das eigene, seelische Überleben doch noch möglich war. Ein Witwenmahl, das zuwuchs - ein ehrliches Staunen der Autorin über sich selbst, das zur größten Stärke dieses Buches zählt.
Umso bemerkenswerter ist es deshalb, dass Ulla Berkéwicz durch ein bewusst eingesetztes Erzählmittel im Buch ihrem eigenen "Überlebnis" etwas entgegensetzt, was eher auf eine große Schaubühne als zu ihrem sonst sehr persönlichen Bekenntnis gehört. Um ihre eigene Verzweiflung vom Leser fern zu halten, lässt sie die Ich-Erzählerin sich von der Person Siegfried Unseld distanzieren. Sie "entpersönlicht" ihren geliebten Menschen, nennt ihn in ihrem Buch durchgehend "der Mann" oder "der Fall", umklammert sprachlich seinen Körper, um ihn von sich selbst zu isolieren. Und zwischen den Isolationsstellen entsteht eine Leere, die sie mit pathetischen, ans Predigende grenzende Abstraktheiten zu füllen versucht.
Berkéwicz führt ihren eigenen Mann wie einen Akteur auf eine "simulierte" Bühne und lässt ihn bedauerlicherweise wie in einem antiken Drama mit einer Maske auf dem Gesicht - namenlos - sterben. Während sie ihrem Arzt-Freund aus Amsterdam - seine Lebens- und Todesgeschichte ist im Übrigen die Eindrucksvollste in diesem Buch - die zärtlichsten und vertrautesten Kosenamen mit auf den Weg in sein Totenreich hinterher flüstert: "Alik, Alka, Alika, Arkascha."
Doch was bleibt am Ende, nach der Lektüre? Die Ich-Erzählerin wird endlich ihre schreckliche Angst los, den Geliebten zu vergessen. Ihre Erinnerung an ihn setzt ein. Schenkte man Novalis Glauben, soll die Erinnerung der sicherste Grund der Liebe sein. Auch für Ulla Berkéwicz - ein Überlebnis.

Die Autorin und Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz
Die Biografie
Ulla Unseld-Berkéwicz, 1951 als Tochter des Arztes und Autors Werner Schmidt und der Schauspielerin Herta Stoepel geboren, nimmt später den Namen Berkéwicz an, eine Ableitung von Berkowitz, dem Namen ihrer jüdischen Großmutter. In den Siebzigerjahren ist sie als Schauspielerin an großen Bühnen tätig.
Das Wirken
1982 erscheint ihr viel beachtetes Debüt "Josef stirbt". Es folgen "Michel, sag ich" (1984), "Adam" (1987), "Engel sind schwarz und weiß" (1992), "Ich weiß, dass du weißt" (1999). 1990 heiratet sie den Verleger Siegfried Unseld. Nach dessen Tod 2002 tritt sie in die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlags ein. Seit 2003 leitet sie ihn.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 2. Mai 2008)