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Anna Gavalda: Alles Glück kommt nie

Die große Trösterin - Anna Gavaldas "Alles Glück kommt nie" erzählt von einem Architekten

Von Marina Neubert

Die Menschen brauchen Trost. Gute Leser oder schlechte Leser, anspruchsvolle oder gelangweilte. In der Nähe von Paris lebt eine alleinerziehende, zweifache Mutter namens Anna Gavalda, die sich mit ihren Geschichten bestens darauf versteht, diesen Trost zu spenden. Von Buch zu Buch brechen Gavaldas sehnsüchtige Figuren aus ihrem Alltags aus, um etwas Anderes, Neues zu wagen, um nach dem lang ersehnten Glück zu suchen. Und es auch zu finden.

Dafür tragen sie die Franzosen auf Händen, dafür haben sie die bis dahin unbekannte Lehrerin vom Lande bereits vor neun Jahren, nachdem die schmale Novellensammlung "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" ihr zum literarischen Durchbruch verholfen hatte, zu Frankreichs Bestsellerautorin par excellence erkoren. Dort ist sie mittlerweile bekannter als manch Hollywoodstar. Doch außer einer gemeinsamen Schwäche für Happy Ends verbindet die scheue Schriftstellerin mit dem schrillen Rampenlicht Hollywoods wenig. Gavaldas Bücher sind sehnsuchts- und humorvoll, ihre Suche nach Glück ist glaubwürdig und märchenhaft schön, ihr Lächeln direkt und leise.

Alle wünschen sich, dass irgendwo jemand auf einen wartet. Auch die literarischen Figuren der darauf folgenden Romanen Gavaldas, deren Geschichten "aus dem Leben" zwar oft ins Kitschige umzukippen drohen, es aber letztendlich nicht tun. Die süß-romantische Glückssuche der vier Hauptfiguren aus Gavaldas bis heute bekanntestem Großstadtmärchen "Zusammen ist man weniger allein", 2005, (mit Audrey Tautou wundervoll verfilmt) rutschte ebenso nichts ins Triviale.

Gavaldas aktuelle Geschichte ist wieder einmal alles andere als eine kitschige Sinnfindungsstory. Das Sujet ihres neuen Romans "Alles Glück kommt nie" - im Original "Die Tröstende", was viel mehr dem Buchgeist entspricht - bedient zwar das typische Gavalda-Muster, in dem ein Mann in den besten Jahren, der beruflich und privat scheinbar alles erreicht hat, von einem Tag auf den anderen alles hinschmeißt, um nach seinem eigentlichen, wahren Ich zu fahnden - doch die Figur des Architekten Charles Balanda ist keinesfalls eindimensional.

Er ist kein gelangweilter Erfolgsliebling, der von seiner Lebensgefährtin Laurence, die ihn nicht mehr küssen kann, nur weil sie eine Gurkenmaske auf dem Gesicht trägt, und von ihrer halbwüchsigen Tochter Mathilde aus purem Desinteresse von Paris in die Provinz flieht. Nein. Er ist einer, der plötzlich trostbedürftig wird - bei einem Familienfest erfährt er vom Tod einer älteren Frau namens Anouk, einer Krankenschwester und Mutter seines Schulfreundes, an die er schon als Junge sein Herz verloren hat. Auf einmal beginnt er, sich nach seinem alten Leben zu sehnen. Weil sein jetziges nicht mehr das wahre zu sein scheint.

Eine Art Selbstprüfung. Und darin liegt auch die Stärke Gavaldas, deren Texte sonst von einer unglaublichen Leichtigkeit getragen werden. Denn im Leben jeder ihrer Figuren findet sich immer eine Möglichkeit, Halt zu machen, sich umzusehen. Und wenn es nötig ist, eine neue Richtung einzuschlagen. Auch Charles Balanda ist bemüht, sein Leben zu retten, indem er eine Reise in die Vergangenheit unternimmt und auf dem mühsamen Weg dahin seiner Erlöserin namens Kate begegnet, die mit fünf Kindern, Hunden und Katzen auf einem Landgut lebt. Ein Happy End. Wieder einmal eine Trost gebende Gavalda-Geschichte, die nach einer Verfilmung ruft.

(Die Rezension erschien am 5. Dezember 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)