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Durs Grünbein: Strophen für übermorgen

Berlins treuester Dichter – Mit seinen „Strophen für übermorgen“ (2007) entführt der Lyriker Durs Grünbein auf die Museumsinsel

Von Marina Neubert

Die Museumsinsel ist nicht nur in der Mitte Berlins, sie ist auch sein Mittelpunkt: Und der Lyriker Durs Grünbein ist wohl ihr treuester Dichter. Eines Tages sah er sie sich aus einem Fenster des Palastes der Republik genau an und wenige Monate später schrieb er für den Fotoband "Museumsinsel" von Thomas Florschütz seine berühmten 13 Berlin-Gedichte. Ein Jahr danach erschien auch sein neues Buch "Strophen für übermorgen" (2007), in dem er uns erneut auf die Museumsinsel mitnimmt, an jenen Ort, an dem sich die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Transit-Metropole, wie Grünbein Berlin nennt, treffen sollten: "Dies ist der Ort, wo die Jahre sich gleichen, magere, fette / Wo man ruhig wird vorm Pergamonaltar wie in Abrahams Schoß / Wie lang ist das her, die Hochzeit von Musen und Militär?"

Durs Grünbein, gewiss der bedeutendste Dichter der neuen deutschen Lyrikergeneration, ist wie ein Asylsuchender, ein Mann der Grenze: Hier geht er hinein, sieht sich um, ob dieser oder jener Ort der seinige ist, und dann verlässt er schon diesen Augenblick, um sich anderswo umzuschauen. In seinem neuen Gedichtband wechselt er wie ein Flaneur die Schauplätze seiner Erinnerung: Er sammelt sie am Anfang in seiner eigenen Herkunft auf, in Dresden, dann prüft er die Gedanken in seiner Gegenwart, in Berlin-Mitte, wo er seit einem Vierteljahrhundert zu Hause ist, und schließlich verlässt er sie in einer imaginären antiken Welt.

Grünbeins neuer Gedichtband ist ein poetisches Erinnerungswerk und zugleich ein Versuch der Suche nach dem geeigneten Ort und nach der eigenen, nur für den Dichter allein bestimmten Zeit. Und in diesem Fall ist er ebenso ein Mann der Grenze. Er ist ein Dresdner aus der Zeit davor und ein klassischer Berliner aus der Zeit danach: Aus der Zeit nach der Mauer, nach der DDR. In Dresden aufgewachsen, ist der 45-Jährige, wie Bertolt Brecht es nennen würde, ein ewig Nachgeborener. "Um von vorn zu beginnen / der Anfang / Liegt in den Tagen danach", kündete Grünbein bereits in einem seiner früheren Gedichte an.

Ende der Achtziger nach Berlin gezogen, macht der spätere Georg-Büchner-Preisträger (1995) genau die Zeit danach - nach der Wiedervereinigung - zu einem der wichtigsten seiner Themen. Auch im zentralen Gedicht "Strophen für übermorgen" des gleichnamigen Zyklus betont er die Beständigkeit dieser Tage für die Zukunft: "Heute ist der vierzigste April. Ein Deserteur / Legt sich ins Gras, befreit von jeder Gegenwart / Was Leben ausmacht, ist der Tag danach, sein Bestes / Wie schwer das fiel bis gestern..."

Grünbeins lyrische Suche nach einem Ort für sich selbst wird in seinem neuen Gedichtband nicht beendet - lediglich fortgesetzt. Wie immer sucht er, sich schrittweise im Alltäglichen verlierend, in der Menge und in der Zeit danach. Und auch in diesem Fall bleibt er ein Mann der Grenze: Stilistisch sucht er in der Wechselbeziehung von Sprache und Musik. Nicht umsonst wurden einige seiner Gedichte aus dem Zyklus "Strophen für übermorgen" von Georg Katzer als Lieder vertont und bereits im Vorjahr beim Kunstfest Weimar vom Publikum gefeiert.

(Die Rezension erschien am 1. Februar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)