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Elfriede Jelinek: Die Liebhaberinnen

Anklage und Gnade sind feminin - Elfriede Jelineks Roman „Die Liebhaberinnen“ (1975)

Von Marina Neubert

Elfriede Jelinek ist eine mutige Kämpferin gegen die Welt voller Gewalt, in der sie selbst als Intellektuelle Lob und Ehre verdient hat, als Hoffnungsgeberin jedoch scheiterte. Als Ergebnis dieses Scheiterns ist in ihrem literarischen Werk eine neue Welt entstanden. Die Schwedische Akademie schrieb 2004 in der Nobelpreisbegründung, Elfriede Jelinek habe Österreich mit "leidenschaftlicher Wut" gegeißelt, und ihre Romane "Die Liebhaberinnen" (1975), "Die Ausgesperrten" (1980) und "Die Klavierspielerin" (1983) stellten "eine Welt ohne Gnade" dar. In ihrem Oeuvre aber hat die Nobelpreisträgerin nicht nur Österreich, sondern bedauerlicherweise auch alles Menschliche gegeißelt. Sie erschuf eine Welt, die nicht aus dem Sieg über dunkle und zerstörerische Kräfte entstanden ist, sondern eine Welt, die sich mit ihnen, grell und obszön, den Schauplatz teilt.

Es ist die Welt der Verstümmelung, in der aus Männern gewaltgeile Ungeheuer und aus Frauen triebhafte Unterwerfungsobjekte werden. Die 61-jährige Schriftstellerin lässt ihren Figuren keine Hoffnung. Ganz im Gegenteil: Die Bücher der zurückgezogen lebenden, menschenscheuen Autorin, die aufgrund ihrer Angstphobien zur eigenen Nobelpreisverleihung nicht reisen konnte, sind das Ergebnis ihrer leidenschaftlichen Verneinung.

Aus der Mitte dieser Verneinung ragt ein verzerrtes Menschen- und insbesondere Frauenbild hervor. Im Roman "Die Liebhaberinnen" (1975) erhielt dieses Bild die ersten scharfen Konturen. Es ist die Geschichte der beiden Arbeiterfrauen Paula und Brigitte, die in einer Fabrik tagein tagaus Büstenhalter nähen und versuchen, sich in der Außenwelt zurechtzufinden. Paulas Hoffnung auf Liebe wird nicht erfüllt, sie wird missbraucht. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes prostituiert sie sich und wird von ihrem Dorf verstoßen. Brigitte dagegen versucht, ihren Körper als Instrument einzusetzen, um Heinz an sich zu binden und ihn zu heiraten. Der Sexualakt zwischen den beiden gleicht einer schrecklichen Vergewaltigung. Am Ende bleibt nur Ekel und Wut im Bauch. Denn das einzige existenzielle Gefühl, das sowohl Paula als auch Brigitte im Roman letztendlich lenkt, ist Groll. In Jelineks Universum ist das Gesicht der Frau mit einer scharfen Klinge von Hass geschnitten: Der Wahn in den Augen ist nur mit dem von Cindy Shermans monströsen Verwandlungsmasken zu vergleichen, die Gesichtsfarbe scheint aus den blutüberströmten Schießbildern von Niki de Saint Phalle zu entstammen. Es sind verzerrte, hasserfüllte Gesichter Paulas, Brigittes, Erikas, Gertis, die keine Frauengesichter mehr sind.

Elfriede Jelinek, Tochter eines psychisch kranken Vaters und einer despotischen Mutter, die sie zum Wunderkind dressierte, bis die junge Studentin des Wiener Konservatoriums ihren ersten Nervenzusammenbruch erlitt, hadert auch mit ihrem eigenen Frauenbild. Sie, die hoch gebildete, hoch intelligente, hoch begabte, hoch attraktive Frau, scheint zu glauben, in einer Welt der Gewalt, in der Frauen geschändet werden, könne sich das Frau-Sein nur in einer heftigen Anklage behaupten.

Aber das ist ein Trugschluss und ihr Scheitern, denn dann würde der Hass der Gewalttäter die Seelen der Menschen immerwährend beherrschen. Damit gerade das nicht geschieht, darf die Anklage ohne Gnade keine Existenzberechtigung erhalten. Denn die beiden gehören zusammen. Und beide sind sie feminin.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 14. August 2007)