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Esther Freud: Liebe fällt

Lara verliebt sich in ihren Vater

Psychoanalytisch: „Liebe fällt“ von Siegmund Freuds Urenkelin Esther

Von Marina Neubert

Dass die Nachfahren von Genies nicht immer nur als "Kinder-Enkelkinder" ihrer großen Vorväter gelten, sondern als eigenständige Persönlichkeiten entdeckt werden wollen, ist nicht neu. Dass sich aber jemand so vehement dagegen wehrt, von ihrem berühmten Urgroßvater, dem Psychoanalytiker Sigmund Freud, indirekt beeinflusst worden zu sein, wie es die britische Schriftstellerin Esther Freud tut, mag bemerkenswert sein. Zumal gerade ihr neuer Roman "Liebe fällt", in dem sich die junge Heldin Lara auf geheimnisvolle "Sex-Pfade" begibt und ihre (Liebes-) Beziehung zum Vater neu definiert, von Motiven aus der Psychoanalyse sehr stark bestimmt ist.

Die 44-jährige Urenkelin von Sigmund Freud ist außerdem die Tochter des Malers Lucian Freud, des wohl bekanntesten britischen Künstlers der Gegenwart, der das einzige offizielle Bild der Queen malen durfte. Doch auf die berühmten Familienbande gibt Esther Freud wirklich nicht viel. Sie selbst ist 1991 mit dem Roman "Marrakesch", der mit Kate Winslet verfilmt wurde, bekannt geworden. Esther Freud besteht darauf, nur auf die Kraft ihrer Geschichten zu vertrauen, die alle mit Heimatsuche zu tun haben und zumeist jugendliche Protagonisten ins Feld der Erwachsenenprobleme einführen, wie auch in ihrem Buch "Liebe fällt".

Der neue Roman handelt von der 17-jährigen Lara aus London, die bei einem gemeinsamen Italien-Urlaub mit ihrem Vater Lambert zum ersten Mal erfährt, was Liebe ist und was "Liebe" genannt wird. Sie erlebt eine romantische Teenagerliebe mit dem gleichaltrigen Aristokratensohn Kipp, sie entdeckt tiefe Gefühle für ihren Vater und erlebt die verzweifelten Fremdgängereien der Erwachsenen. Laras gutgläubige Jungmädchensicht muss in drei Wochen Toskana-Urlaub harte Prüfungen bestehen.

Esther Freud begleitet ihre Protagonistin mit großer Leidenschaft. Sie scheint auch in ihrem sechsten Roman ein Faible für junge Hauptfiguren zu haben. Wie zuvor in den Romanen "Marrakesch", "Blaues Wunder" und "Das Haus am Meer" schöpft sie auch diesmal aus ihrem biografischen Fundus: Dem Unterwegssein mit einer Hippie-Mutter im Asien der Siebzigerjahre. Gleichzeitig beschreibt sie immer wieder die Suche ihrer Heldinnen nach "Heimat" oder ihren Wunsch nach Zugehörigkeit.

In "Liebe fällt", dessen englischer Originaltitel "Love Falls" schon eine gewisse Mehrdeutigkeit in sich birgt - er kann auch bedeuten, dass etwas auseinander fällt -, sucht die Autorin zusammen mit ihrer Heldin vor allem nach dem Zusammenhalt zwischen Vater und Tochter. Zunächst hat die Tochter Lara ein sehr formelles Verhältnis zu ihrem Vater Lambert. Sie sieht ihn immer nur kurz und zu seinen Bedingungen. Doch die gemeinsame Italienreise bringt beide näher.

Lara verliebt sich zwar das erste Mal in einen jungen Mann, der auch ihre Gefühle erwidert, doch genau genommen beschreibt der Roman eine (platonische) Liebes-Entdeckungs-Geschichte zwischen Lara und ihrem Vater. Denn der jungen Liebe unter Gleichaltrigen gibt Esther Freud keine Zukunft. Dagegen ist das neu entdeckte Gefühl zum Vater für ihre Heldin - wahrscheinlich auch wie für sie selbst - von anhaltender Dauer.

(Die Rezension erschien am 4. April in Welt kompakt und auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)