Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Gabriel Garcia Marquez: Chronik eines angekündigte

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen - Gabriel García Márquez schreibt im Roman „Chronik eines angekündigten Todes“ (1981) ein Drama der kollektiven Schuld

Von Marina Neubert

"An dem Tag, an dem sie Santiago Nasar töten wollten, stand er um fünf Uhr dreißig morgens auf, um den Dampfer zu erwarten, mit dem der Bischof kam." Von Anfang an ist klar, dass Santiago Nasar an diesem Tage sterben wird. "Die Brüder Vicario hatten mehr als zwölf Personen von ihrer Absicht erzählt, und diese hatten sie vor sechs Uhr überall verbreitet." Von Anfang an ist klar, dass das ganze Dorf Bescheid weiß, aber die Mörder dabei nicht hindern und auf diese Weise zu ihren Komplizen wird. Von Anfang an ist auch klar, dass Gabriel García Márquez in seinem Roman "Chronik eines angekündigten Todes" aus dem Jahre 1981 den Dorfbewohnern die Schuld an diesem Mord gibt.

Und so gesehen hat der kolumbianische Nobelpreisträger kein Drama über Liebe und Tod geschrieben, sondern das Drama der Verantwortung. Mehr noch - der kollektiven Verantwortung. In der "Chronik eines angekündigten Todes" verarbeitete er sein vielleicht schmerzhaftestes Jugenderlebnis, den Mord an seinem Freund Cayetano Gentile Chimento. Beinahe 30 Jahre lang dauerte es, bis er die Geschichte aufschreiben konnte. Es war der 22. Januar 1951, an dem der junge Italiener Cayetano von seinen Freunden, den Brüdern Chica Salas erstochen wurde. Dass die Braut, Margarita, nicht nur mit Cayetano, sondern auch mit einer Reihe anderer liiert war, war im Dorf scheinbar bekannt, doch aus Hass oder Rache beschuldigte sie ihn, sie entehrt zu haben. Und das ganze Dorf schaute dem Mord stillschweigend zu.

Márquez übertrug diese Geschichte fast wörtlich aufs Papier. Auch in seinem Roman entdeckte der Bräutigam Bayardo San Román in der Hochzeitsnacht, dass er eine entehrte Frau geheiratet hat. Daraufhin brachte er sie zurück zu ihren Eltern. Angela Vicario offenbarte auf Drängen den Namen des angeblichen Schuldigen: Santiago Nasar. Die Folge: Die beschmutzte Familienehre musste gerächt werden - blutig. Die Brüder Vicario führten die Rache aus und agierten dabei öffentlich. Sie inszenierten den Racheakt förmlich und erzählten fast jedem Einwohner ihres Dorfes an der Karibikküste von ihren Plänen, sogar Santiagos Verlobter. Doch niemand sagte Santiago Nasar, in was für einer Gefahr er schwebte, oder machte Anstalten, die Vicarios von ihrem Vorhaben abzuhalten. Für Gabriel García Márquez steht fest: Nicht nur die Ausführenden Brüder Pedro und Pablo Vicario waren an dem schrecklichen Verbrechen schuldig, sondern auch diejenigen, die schweigend zugesehen hatten. Kaum ein anderes Werk der gegenwärtigen Literatur formuliert die Folgen der kollektiven Schuld präziser und ehrlicher als dieses. Denn die kolumbianischen Dorfbewohner von Márquez hätten auch die Dorfbewohner in der Nähe von Bergen-Belsen oder Auschwitz-Birkenau oder Srebreniza sein können. Sie wussten Bescheid oder sie ahnten, doch sie schwiegen. Und nachher waren sie alle zusammen nicht schuld, konnten angeblich nicht verhindern, was geschehen ist. Der Kolumbianer Gabriel García Márquez hat dieser Schuld, der Schuld aller, auch derer, die guten Willens waren, die lieber nicht gemordet hätten, aber durch ihr Schweigen oder ihre Ignoranz zu Mordkomplizen wurden, den Namen gegeben: Angekündigter Mord.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 10. August 2007)