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Nadine Gordimer: Beethoven war...

Das Geheimnis von Südafrika - Nadine Gordimers weißer Professor sucht nach seinen schwarzen Wurzeln

Von Marina Neubert

Literarischen Weltrang erlangten für Südafrika bezeichnenderweise zwei seiner bedeutendsten Kritiker. Beide sind Literaturnobelpreisträger: Der öffentlichkeitsscheue J. M. Coetzee und die gesellschaftsengagierte Nadine Gordimer, deren 85. Geburtstag vor kurzem gefeiert wurde. Während Coetzees literarisches Messgerät die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge im Land eher registriert und sorgfältig protokolliert, zeichnet Nadine Gordimers Polygraph darüber hinaus noch den Herzschlag, den Blutdruck und die Atmung Südafrikas auf.

Dass diese Aufzeichnungen in ihren Romanen, Erzählungen und Essays seit Jahrzehnten unbeirrt aus der kritischen Perspektive einer politischen Schriftstellerin gemacht werden, ist allgemein bekannt. Die weiße Südafrikanerin, Tochter einer wohlhabenden Oberschicht-Familie, ist und war auch schon von Beginn ihrer literarischen Biographie an eine Gegnerin der Apartheid. "Der Schriftsteller", sagte sie einmal in ihrem Essay "Die Freiheit des Schriftstellers" (Interregnum. Essays und Reden der Jahre 1959-1985), "kann als Schriftsteller nichts anderes tun, als unbeirrt die Wahrheit zu schreiben, wie er sie sieht."

Dies bedeutete für Nadine Gordimer in erster Linie, immer wieder die Politik der Rassentrennung zu verwerfen. Diese Intention beweist sie aufs Neue auch in ihrem kürzlich erschienenen Erzählband "Beethoven war ein Sechzehntel schwarz". In der Titelgeschichte der sechzehn im Band versammelten Short-Stories fährt Frederick Morris, ein in London lebender, weißer Biologieprofessor und Nachfahr eines südafrikanischen Diamantenhändlers, nach Südafrika, um die Mine seines schwarzen Vorfahren zu besuchen.

Die aktuelle Situation vor Ort fasst die Ich-Erzählerin, die mit der Autorin identisch sein dürfte, in präzisen, von bewusster, sprachlicher Sparsamkeit geprägten Sätzen zusammen: "Früher gab es Schwarze, die weiß sein wollten. Jetzt gibt es Weiße, die schwarz sein wollen. Es ist dasselbe Geheimnis." Die Erkenntnis, mit der sie Morris dann wieder zurück nach London fahren lässt, ist alarmierend wahrhaftig: "Was ein Privileg ist", stellt Nadine Gordimer fest, "wird von jedem Regime neu bestimmt."

Auch in den anderen Geschichten, die sehr persönlich sind, heftet sie ihren nüchternen, aufrichtigen Blick auf die Wahrheit. Diesmal in Punkto "Endlichkeit des Lebens". Aber aus einer für die ansonsten realistische Autorin etwas ungewöhnlichen, metaphysischen Perspektive: Sie führt nämlich einen Dialog mit dem Jenseits.

Ein zeitloses Nirgendwo, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft parallel bestehen, wird für Nadine Gordimer zu einem Ort, an dem sie mit ihren geliebten Toten weiter kommunizieren kann. Der Tod ihres Mannes, des Galeristen Reinhold Cassirer aus Berlin, der vor sieben Jahren nach 47-jähriger Ehe gestorben war und dem sie auch ihren jüngsten Erzählband widmet, lässt ihre literarischen Gedanken um die Themen Verlust und Abschied kreisen.

In der Geschichte "Von den Toten träumen" trifft sie in einem ihrer Träume, während sie auf ihren verstorbenen Mann vergeblich wartet, drei berühmte Freunde: Als wäre es ganz selbstverständlich, setzt sie mit den Verstorbenen - dem palästinensischen Dichter Edward Said, der amerikanischen Schriftstellerin Susan Sontag und dem englischen Publizisten Anthony Sampson - die oft geführten, vertrauten Gespräche fort. Am Ende des Traums kommt sie allerdings in einer für ihren Erzählstil eignen, pointierten Art wieder einmal zu einer bitteren Erkenntnis: Kein Traum kann ihr den geliebten Menschen ersetzen.

(Die Rezension erschien am 19. Dezember 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)