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Julia Franck: Die Mittagsfrau

Die Mittagsfrau - eine Liebesgeschichte?

Vita aus der Perspektive des versäumten Glücks - In „Die Mittagsfrau“ verwebt Julia Franck gleich mehrere Liebesgeschichten kunstvoll ineinander

Von Marina Neubert

Ihre sinnliche Erzählkunst ist in der Tat außergewöhnlich. Dass Julia Franck für ihr Familienepos "Die Mittagsfrau" mit dem Deutschen Buchpreis 2007 geehrt wurde, ist kaum verwunderlich. Auch andere Werke der Berliner Autorin, Jahrgang 1970, wurden mit Preisen gekrönt, der Roman "Liebediener" (1999) gar als die Liebesgeschichte der Neunzigerjahre bezeichnet und das "Lagerfeuer" (2003) als "zeitgeschichtliches Sprachkunstwerk" schlechthin gefeiert.

Was die Beschreibung von Liebesgefühlen angeht, ist sie eine wahre Meisterin. Im Roman "Die Mittagsfrau", in dem der Leser allen Gefühlshöhen und -tiefen auf der Langstrecke von 430 Seiten begegnet, stehen gleich mehrere Liebesgeschichten im Mittelpunkt. In dieser Familienlegende wird die Lebensgeschichte der Krankenschwester Helene Würsich als ein breites Netz aus mehreren missglückten Liebesgeschichten geknüpft. Alles ist gekonnt miteinander verwoben, einander ergänzend und teils auch widerspiegelnd.

Helene wächst vorm Ersten Weltkrieg auf. Ihre jüdische Mutter Selma überwindet den Verlust ihrer vier Söhne nicht und lehnt in ihrem großen Kummer die kleine Tochter ab. So beginnt schon Helenes Heranwachsen mit dem ersten Liebesentzug ihres Lebens, vielleicht dem folgeschwersten. Und dabei scheint das sensible Mädchen für die Liebe geboren zu sein. Ihr Bedürfnis nach Innigkeit lebt sie mit ihrer neun Jahre älteren Schwester Martha aus. Das leicht ins Erotische kippende Zärtlichkeitsverhältnis der Schwestern mag eher ein Ausdruck der Ratlosigkeit der beiden gegenüber der Herzenskühle ihrer Mitwelt zu sein. Auf der Suche nach Liebe und Anerkennung begeben sie sich aus einer Kleinstadt mitten hinein ins Berlin der Zwanzigerjahre.

Dort scheint zum ersten Mal in Helenes Dasein ein wirkliches Leben möglich zu sein, von der Herzensregung erfüllt, nach der sie sich am meisten sehnt: von der Berührung zweier Seelen. Auf einem Tanzabend begegnet sie dem jüdischen Philosophie-Studenten Carl Wertheimer, der einzigen Liebe ihres Lebens. Er "sah ihr nach und winkte, sie winkte zurück, ihre Hände waren warm." Vielleicht ist dieses Warmwerden auch das erste wirkliche Erwachen Helenes. Vier Jahre dauert die glückliche Zweisamkeit: mit Liebesnächten im kleinen Mietzimmer, stundenlangen Spaziergängen voller philosophischer Gespräche, gemeinsamen Zukunftsplänen. Bis Carl eines Tages - kurz bevor er seine Braut den Eltern vorstellen will - von einem Lastwagen überfahren wird. Er stirbt noch am Unfallort, mitten im frostigen Winter. Und wahrscheinlich ist diese stechende Kühle auch Helenes letzter spürbarer Schmerz, kurz vor ihrem nachfolgenden, lebenslangen Erstarren.

Danach wechselt auch ihr Gefühlsmuster endgültig seine Farbe: Vom warmen Rot geht es hinüber ins erbarmungslose Braun, als die Jüdin Helene den NS-Anhänger Wilhelm heiratet, und endet schließlich in einem stumpfen Schwarz, als sie ihren siebenjährigen Sohn Peter 1945 auf der Flucht aus Stettin in einer Bahnhofshalle alleine zurücklässt.

"Die Mittagsfrau" ist eine tragische Lebensgeschichte, zum Teil aus der Perspektive des versäumten Liebesglücks erzählt. Denn hätte Helens Mutter ihrem Kind von Beginn an die Liebe nicht verweigert und wäre Carl, ihre letzte Lebenschance, nicht verunglückt, wäre sie wahrscheinlich auch nicht an ihrer eigenen Herzenskälte gescheitert.

(Die 30. Folge der Serie „Liebesgeschichten aus Berlin“ erschien am 10. August 2008 in der Berliner Morgenpost)