Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Die Mittagsfrau - eine Liebesgeschichte?

Julia Franck: Die Mittagsfrau

Der kleine Sohn bleibt allein am Bahnsteig zurück – die Berliner Autorin Julia Franck erhielt für ihren Roman „Die Mittagsfrau“ den Deutschen Buchpreis 2007

Von Marina Neubert

Diese kluge Berliner Autorin, die dieser Tage ihren neuen Roman vorstellt und sich mitten in einer Lesung charmant ins lange Haar fasste, mit dem Lächeln, oh, unglaublich, ein Riechkäfer in meinem Haar, hat alle Voraussetzungen, einen großen Roman zu schreiben. Julia Franck ist literarisch begabt, hoch gebildet, ihre sinnliche Erzählkunst ist einzigartig. Ihre in den letzten zehn Jahren erschienenen Werke wurden mit Preisen gekrönt, der Roman "Liebediener" (1999) gar als die Liebesgeschichte der 90er Jahre bezeichnet, und der auf ihren eigenen Erfahrungen basierende Roman "Lagerfeuer" (2003) über die Geschichte der Flucht aus der DDR als "zeitgeschichtliches Sprachkunstwerk" gefeiert.

Nun ist "Die Mittagsfrau" im Fischer-Verlag erschienen, ein mit Spannung erwartetes Familienepos. Ein wunderbar auserzähltes Epos, mit allen Höhen und Tiefen, die sowohl die Autorin selbst als auch ihre Figuren auf der Langstrecke von 430 Seiten durchschreiten - doch es ist bedauerlicherweise kein großer Roman. Denn einen großen Roman zeichnet neben dem schriftstellerischen Talent und handwerklichen Können auch die Tiefe der Aussage aus: Ein großer Roman darf sich niemals der Wahrheit verschließen.

Julia Franck hat aber einen Roman voller Andeutungen zwischen Wahrheit und Halbwahrheit geschrieben. Einen Roman, der in einem Zwischenraum voller Bilder, Figuren und Gegebenheiten die wahre Aussage über die tragischen Auswirkungen der jüdischen Assimilation hinter dem Grauen der beiden Weltkriege zu verschweigen versucht.

Hinter der Lebensgeschichte der Krankenschwester Helene, die zu Anfang des vorigen Jahrhunderts aufwächst, deren verstörte Mutter sie ablehnt, deren große Liebe verunglückt, die sich als Jüdin von einem blonden Blauäugigen retten und demütigen lässt, und die letztendlich auch ihren gemeinsamen Sohn nach dem Kriegsende verlässt - hinter den Schrecken der beiden Weltkriege, hinter der mondänen Berliner Welt der 20er und 30er Jahre verbirgt sich diese Wahrheit: Die große Tragödie der assimilierten Juden jener Zeit bestand auch darin, dass sie erst durch Hitler am eigenen Leibe erfuhren, dass sie Juden waren.

Doch warum traut sich die 37-jährige Enkelin der jüdischen Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, die dem Maler Helmut Ruhmer zwei Kinder gebar und ihn aufgrund der Rassengesetze nicht heiraten durfte, diese Wahrheit nicht auszusprechen? Denn just in den Momenten, in denen ihre Bilder am stärksten zu wirken beginnen, beispielsweise dort, wo Helene ihren eigenen Sohn Peter ein Hetzgedicht gegen Juden fröhlich rezitieren hört, dort lässt die Autorin ihre Heldin im Zwischenraum des Schweigens allein stehen und widmet sich plötzlich anderen Dingen, die ihr für den Erzählfluss der Geschichte auf einmal wichtiger erscheinen, etwa die Evakuierung des Frauenspitals aus Greifswald.

Dabei geht es um eine Mutter, die den Abschied von ihrem achtjährigen Sohn innerlich vorbereitet! Von ihrem Sohn, den sie liebt, der ihr aber genauso so fremd ist wie sein Vater. Julia Franck scheint bewusst die Konfrontation mit dem eigentlichen Konflikt von Helene zu meiden, denn allzu vorsichtig reißt sie ihn an und allzu schnell bricht sie ihn ab, sie lässt lieber die Kriegskanonen schießen.

Zugegeben: Es ist ein schwieriges Terrain, auf welches sich die Autorin begibt. Doch ihr fehlt bedauerlicherweise nicht nur die zeitgeschichtliche Authentizität eines Gershom Scholem, der das Drama des assimilierten jüdischen Bürgertums von damals am besten veranschaulichen konnte, sondern auch der Mut, sich dem Thema wirklich anzunähern. Sie deutet es stückweise an und lagert es schnell im Zwischenraum des Schweigens ab, als wolle sie es absichtlich von der tragischen Geschichte ihrer Figuren trennen.

Dabei hat sie in der "Mittagsfrau" viele großartige Szenen geschaffen und die innere Rastlosigkeit von Helene und ihrer Mutter mit einer dringlichen Sensibilität nachempfunden. Man glaubt ihr, dass sich Selma Würsich vor ihrer neugeborenen Tochter ekelt und dass diese Tochter dreißig Jahre später ihren kleinen Sohn auf einem Bahnsteig zurücklässt, weil sie weder ihn noch sich selbst ertragen kann. Diese Bilder gelingen Julia Frank eindrucksvoll.

Doch sie bedürfen noch des entscheidenden Pinselstriches. Selma Würsich und ihre Tochter Helene sind nicht nur Opfer der Kriege und des Fremdenhasses. Sie sind auch Opfer ihres Selbsthasses, der eine Folge der jüdischen Assimilation und des daraus resultierenden Identitätsverlustes war. Wenn man glaubte, jemand anderer zu sein und plötzlich nicht mehr wusste, wer man wirklich ist und wo man hingehört, ist man auch nicht in der Lage, dem Krieg und Fremdenhass etwas entgegenzusetzen. Diese Wahrheit auszusprechen, wagt Julia Franck in ihrem neuen Roman nicht.

(Die Rezension erschien am 15. September 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)