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Oleg Jurjew: Die russische Fracht

Gespensterschiff in der Ostsee: Der Mystiker Oleg Jurjew versammelt im Roman "Die russische Fracht" die Geister der Vergangenheit

Von Marina Neubert

Auf die Schiffe, ihr Menschen! Friedrich Nietzsche würde uns mit Sicherheit diese Umwandlung seines Aufrufs "Auf die Schiffe, ihr Philosophen!" verzeihen. Denn es war immer schon so: Sobald die Menschheit sich von irdischen Umständen überfordert fühlt, macht sie ihre Schiffe klar. Lässt sich unsere profane Welt auf dem Wasser besser verstehen? Oder gar retten? Die Russen müssten die Antwort kennen. Denn sie sind selbst wie Wasser, das alle Formen ausfüllen und sich jeder Ordnung anpassen kann, doch selbst stets formlos bleibt. Unbegreiflich, besonders für einen Westeuropäer.
Wie soll man denn auf Anhieb verstehen, was in Oleg Jurjews neuem Roman "Die russische Fracht" vor sich geht, ohne zu wissen, dass die Russen äußerlich zwar gefügig und unterwürfig, jedoch in ihrer Hosentasche solange die Faust ballen, bis die Hose irgendwann platzt? Im Leben jedes Petersburger Menschen, versichert uns Jurjew, schlägt "früher oder später eine Stunde, wo er es nicht mehr erträgt, auf fremde Rechnung zu leben" und sich "wie ein Luftballon losreißt."
Auch seinem Ich-Erzähler, dem Historiker Weniamin Jasytschnik, kurz Wenka genannt, schlägt eines Tages diese berüchtigte Stunde. Sein hoch verschuldeter Stiefvater, "Patriarch der heimlichen Hochstapelei", wird mit zerbissener Kehle tot aufgefunden. Wer im Dickicht des russischen Business seine Schulden nicht zahlt, wird bekanntlich aus dem Weg geräumt und seine Kinder müssen dafür gerade stehen. So wird Wenka von Stiefvaters Peinigern stellvertretend verfolgt.
Und nun? Auf die Schiffe, ihr Petersburger! Was bliebe sonst noch dem 28-jährigen, unschuldigen Bücherwurm übrig, als sich im Wasserfließtempo davon zu machen? Mit "Novij russkij" der postsowjetischen Epoche samt ihrer Kriminellen, die Jurjew mit schüttelfrostartigen Präzision zeichnet, spaßt man nicht! Also flieht Wenka mit gefälschten Papieren im Petersburger Hafen auf das ukrainische Frachtschiff "Atenov", das den Kurs nach Lübeck hält. In seinem Rollkoffer - die einzige Rettungshoffnung - seine Dissertation über St. Petersburg und Vineta. Wenka glaubt allen Ernstes, dass diese sagenumwobene Insel des Glücks namens Vineta wirklich existiert, dass sie mit St. Petersburg identisch ist und dass er sie, aus Petersburg fliehend, auf diesen Frachter mitgenommen haben könnte.
Eine Wahnvorstellung! Zugleich aber ein gelungener Kunstgriff des Autors, ein Symbol für die rettende Arche Noah á la russe zu erschaffen - die sogenannte Vineta Noah. Für Wenka selbst, für die anderen Passagiere, die sich aus St. Petersburg retten mussten, und symbolisch betrachtet, für alle Russen, die sich wohl oder übel auf einem Gespensterschiff befinden.
Bis zum Schluss des Romans weiß man nicht genau, ob alles, was auf der "Atenov" geschieht - auch die bitterkomische Liebesgeschichte mit der ehemaligen Klassenkameradin Schtekaturko, die der jungfräuliche Wenka vor Jahren geschwängert haben soll - nur ein Produkt seiner fixen Idee ist. Eine lebendige Leiche nach der anderen entdeckt der schockierte Historiker an Bord, und somit auch die verdrängten Bruchstücke seiner eigenen und der russischen Vergangenheit. Alles in einem ist es zwar nicht die feine Reisegesellschaft aus Fellinis "Schiff der Träume", dafür aber eine Silvestergesellschaft, die sich für eine beträchtliche Summe nach Deutschland schmuggeln lässt, um den Jahreswechsel gesichert feiern zu können.
Mit von der Partie: Wenkas verstorbener Stiefvater, eine in Polen längst verschollene russische Priesterbraut Galja, der deutsche Spion Wendelin, der durch einen Oligarchen reich wurde, und auch Wenkas leiblicher Vater Yakov, ein Kapitän des israelischen U-Boots, der seinem Sohn eine "reale" Rettungsmöglichkeit nach Israel anbietet, die Wenka aber als ein echter Vineta-Noah-Patriot ausschlägt. Er zieht es vor, an Bord des Kapitäns Achov zu bleiben, eines Patrioten, der sein ganzes Leben auf der "Atenov" verbringt, im ewigen Hin und Her, ohne jemals anzukommen.
Ist das nicht auch eine der typisch russischen Eigenschaften, die der Philosoph Nikolaj Berdjajew schon vor Hundert Jahren erwähnte - das bewusst gesteuerte Umherirren statt einer Vorwärtsbewegung? Auch Jurjews Vineta Noah irrt in den Meeren umher und bildet dabei eine Plattform sowohl für einen modernen Abenteuerroman als auch für eine gesellschaftliche Antiutopie.
Alle Vineta-Noah-Passagiere sind im Grunde hilflos und bedauernswert. Wer soll denn die Russen retten? Etwa Zar Peter der Große, der am Ende des Romans auftaucht und das Kommando an Bord übernimmt? Mit seiner Figur führt Jurjew zwar die alte Petersburger Tradition des mystischen Realismus á la Dostojewskij ad absurdum, indem er den größten aller Russen aus dem Totenreich auferstehen lässt, um sein Volk zu erlösen, aber den Rettungsanker lässt er den Zaren nicht werfen. Vineta Noah legt im Endeffekt nirgends an.
Gibt es denn überhaupt einen rettenden Anker für Russland? Für ein Land, dessen Schiffe vor kurzem gegen Georgien kämpften? Dessen Regierung in den vergangenen Monaten strategische Kriegsschiffe nach Lateinamerika entsandte? Oleg Jurjew beantwortet diese Fragen nicht. Er stellt sie nur in der ihm eigenen, bildgrotesken, mahnenden Weise dar. Ein großartiges Buch.

(Die Rezension erschien am 17. April 2009 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)