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Thomas Glavinic: Das bin doch ich

Der Autor, der sich selbst nominierte: Thomas Glavinic hat einen Roman über den Deutschen Buchpreis geschrieben – und schaffte es in Finale

Von Marina Neubert

Zum Beginn der Frankfurter Buchmesse wurde am 8. Oktober 2007 der Deutsche Buchpreis für den besten Roman verliehen. Zu den sechs Finalisten gehörte der Österreicher Thomas Glavinic.

Vor einem Jahr hat Thomas Glavinic einen Roman über die Einsamkeit geschrieben, "Die Arbeit der Nacht", über die Verzweiflung eines Jonas, der in einer Welt ohne Menschen aufwacht. Ein beeindruckender Roman. Und nun ist Glavinic empört, weil er für seinen Jonas den Deutschen Buchpreis nicht bekam. Eigentlich nichts Besonderes. Seltsam ist nur, dass er deshalb in seinem neuen Roman "Das bin doch ich" in aller Öffentlichkeit die Unterhose auszieht. Auf einmal scheint es ihm nur noch auf zwei Dinge im Leben anzukommen: Keinen Hodenkrebs zu bekommen und den Deutschen Buchpreis oder wenigstens einen Platz auf der Shortlist zu bekommen. Es koste, was es wolle, sogar wenn er dafür seine Seele dem Teufel verkaufen müsste.

Nun gut. Letztendlich hat sich der 35-jährige Österreicher nicht verpflichtet, tiefgründige Romane zu schreiben und dafür den Buchpreis zu verlangen. Und wenn er diesmal keinen derartigen Roman geschrieben hat, sondern einen über sich selbst, über den Schriftsteller Thomas Glavinic, der nach Beendigung der "Arbeit der Nacht" mitten in einer Krise steckt und darüber jammert, dass er noch keinen Verleger, keinen Erfolg und keinen Preis hat, dann sollte es seine eigene Sache bleiben. Doch das tut sie leider nicht.

Der Autor beschreibt seinen Alltag, das Tagein Tagaus des freiberuflichen Schreibtischschreibers Thomas Glavinic. Und er tut es klug, streckenweise sehr komisch, teils grotesk, sprachlich leider oft schlampig, aber auch hier hat er sich nicht verpflichtet, die stilistischen Vorzüge der "Arbeit der Nacht" zu wiederholen. Seine Frau Else erträgt geduldig ihren launischen, versoffenen Mann, der krankhaft seine Mails checkt, in der Hoffnung auf eine Nachricht seiner Agentin, und der auf seinen Freund Daniel, der für den Roman "Die Vermessung der Welt" alle Ehren erntet, tierisch neidisch ist.

Und nun besucht er eines Tages die Lesung des Amerikaners Jonathan Safran Foer und beklagt sich, in dem für diesen Roman typischen, larmoyanten Ton über seine eigenen "miserablen Englischkenntnisse". Eigentlich könnte man auch diese Klage verdauen und weiter lesen. Aber halt: Ein Autor mit miserablen Englischkenntnissen würde doch für die Aufschlagseite seines Buches kein Zitat aus Shakespeares "The Tempest" nehmen, und zwar in der Originalsprache! Thomas Glavinic begeht einen gravierenden Fehler, der ihm seine Glaubwürdigkeit kostet. Denn eins ist sicher: Einer von den beiden - entweder der reale Glavinic oder die Kunstfigur Glavinic - ist ein Täuscher.

Der reale Glavinic macht in seinem neuen Buch tatsächlich ein geschicktes Täuschungsmanöver, das ihm ermöglicht, den Roman wie ein Bericht aus dem Leben und den Autor umgekehrt wie eine erfundene Figur wirken zu lassen. Und es wäre schön, wenn auch Glavinics Täuschung nur noch künstlerischer Natur wäre. Doch bedauerlicherweise scheint er mit seinem neuen Roman sich selbst zu täuschen und auf Schritt und Tritt zu widersprechen.

Einerseits behauptet er nach fast zehn Jahren Mitbeteiligung am Unternehmen namens "Gegenwartsliteratur" mit eitlen Agenten, Verlegern und Kritikern, die sich alle um die Ware "Buch" versammeln, dieser belletristischen Totalvermarktung so satt geworden zu sein, dass er bereit ist, nicht nur seine eigene Unterhose mit Spott auszuziehen, sondern die der halben deutschsprachigen Literaturbetriebsszene, und zwar namentlich. Andererseits aber wird er beinahe verrückt vor Neid auf Daniel Kehlmann, weil er in diesem Unternehmen die höchsten Verkaufszahlen aufweist.

Einerseits schildert er die Arroganz der Literaturszene. Andererseits schreibt er Drohmails, um auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises zu gelangen. Einerseits schildert er einen Thomas Glavinic, der furchtbar kumpelhaft zu sein versucht. Andererseits versteckt er hinter dieser Fassade sein eigenes Drama, das seiner Vorgängerfigur Jonas sehr ähnlich ist: Letztendlich ist doch Glavinic unter all den "Literaturangestellten" untröstlich einsam.

Eine unglückliche Selbstverleugnung. So unglücklich, dass die Juroren des diesjährigen Deutschen Buchpreises seine Selbsttäuschungsmanöver mit einem Platz auf der Shortlist honorierten. In Wirklichkeit aber hält Glavinic den Literaturbetrieb für ein Absurdum, das den Schriftsteller zu einem unbedeutenden Rädchen in einem zermürbenden Mechanismus macht. Hätte er sich nicht hinter der gefühlslosen, (selbst)ironischen Maske in seinem neuen Roman versteckt, sondern sich zur tragischen Einsamkeit des Schreibenden gegenüber dem Buchmarkt bekannt, hätte er es nicht nötig gehabt, sich selbst zum Buchpreis zu "nominieren". Denn: Die Schreibkunst war, ist und bleibt das einzige, an dem der Buchmarkt sich bemessen darf. Und nicht umgekehrt.

(Die Rezension erschien am 28. September 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)