Sitemap Fotos Kontakt Impressum Verstummte Stimmen Literatur in Israel Letzte Aktualisierung

Wassili Grossman: Leben und Schicksal

Stalin ist wieder literarisch salonfähig: Zwei Hauptwerke der Stalinzeit sind von Wassili Grossman und Warlam Schalamow

Stalin und die Stalinzeit sind - zumal im Neuen Russland von Wladimir Putin - wieder salonfähig geworden. Auf dem aktuellen Buchmarkt sind gleich mehrere Romane, Biografien und ein Thriller zu finden, die sich mit dem Stalinkult und seinen Folgen auseinandersetzen.

Von Marina Neubert

"Ich bitte um Freiheit für mein Buch!" Mit diesem verzweifelten Appell endete der Brief des russischen Schriftstellers Wassili Grossman an den Stalin nachfolgenden Parteichef Nikita Chruschtschow im Frühjahr 1962. Ein Jahr zuvor hatte sich in der leidgeprüften sowjetischen Literaturgeschichte ein besonderer Fall ereignet: Grossmans Buch "Leben und Schicksal" wurde - ebenso wie Michail Bulgakows Roman "Hundeherz" - wie ein lebendiger Mensch verhaftet. Chruschtschow aber begnadigte den "Häftling" nicht. Im Gegenteil: Seinem Autor warf er "eine unverschämte Verzerrung der sowjetischen Realität" vor.

Wassili Semenovish Grossman (1905-1964), der eigentlich Josef Salomonovich hieß und bereits als Student seinen Vor- und Vatersnamen ändern lassen musste, damit er nicht allzu jüdisch klang, verletzte mit dem Roman "Leben und Schicksal" mehrere Tabus der Stalin- und Nachstalinzeit. Er wagte es nicht nur, den jüdischen Physiker Strum als Hauptfigur zu wählen für einen Roman, in dem von der vaterländisch gehuldigten Stalingradschlacht erzählt wird, sondern er traute sich auch früh, die Wahrheit über den Holocaust zu sagen. Schalamow prangerte gleichwohl die Lasten und Verluste der stalinistischen Terrormaschinerie an und zeigte, dass der Schatten von GULag auch den ganz normalen Alltag der Nichtinhaftierten beeinflusste.

Auf den ersten Blick kreist sein Werk um die Schlacht von Stalingrad von 1943, die die Wende im Zweiten Weltkrieg markierte. Ähnlich wie Tolstoj in "Krieg und Frieden" erzählt auch Grossman die Geschichte einer Großfamilie in den Wirrnissen des Krieges. Doch anders als Tolstoj geht es ihm weniger um die Menschlichkeit im Krieg, sondern vor allem um die Unmenschlichkeit jenseits des Schlachtfelds. In den deutschen Konzentrationslagern und sowjetischen GULags der Stalinzeit sucht er nach einer Antwort für die Frage: Wie viel Menschlichkeit muss ein Mensch aufbringen, um dem Unmenschlichen zu widerstehen?

Er beschreibt die letzten Stunden von Sofia Levinton, bevor sie mit einem kleinen Jungen namens David auf dem Arm die Gaskammer betritt. Grossman, dessen Mutter in einem Brief aus dem KZ ihre letzten, herzzerreißenden Worte an ihn richtete, verzichtet auf seine eigene Wut. Er lässt den Leser an die menschliche Güte seiner Hauptfigur glauben.

Sein Zeitgenosse Warlam Schalamow (1907-1982), dessen erschütternde "Erzählungen aus Kolyma" neben den Werken von Alexander Solschenizyn und Jewgenija Ginsburg zu den wichtigsten literarischen Texten über das sowjetische Lagersystem zählen, sah es anders. Nach einem nahezu 18 Jahre dauernden Freiheitsentzug als politischer Häftling im Sibirien verlor er sein Vertrauen an das Humane. "Liebe? Erbitterung?", fragt er sich in seinen lakonischen, an die Schmerzgrenze gehenden Kurzerzählungen. Und antwortet: "Nein. Der Mensch lebt aus denselben Gründen, aus denen ein Baum, ein Stein, ein Hund lebt." Schalamow, einst ein begeisterter Verseschreiber, hatte den GULag, den er in seinen Erzählungen schildert, überlebt. Danach entschied er sich, dass seine Lagerprosa einem Dokument ähnlicher sein muss als der Literatur. Nachdem er 1962 Solschenizyns Erzählung "Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch" gelesen hatte, schrieb er ihm: "Eine Katze soll dort herumlaufen? Ist doch nicht wahr! Die wäre sofort aufgefressen worden." Diese Bemerkung trug ihm Solschenizyn sein Leben lang nach.

In Schalamows Erzählungen gibt es keine übliche Handlung. Sie sind situativ, verzichten auf Dramaturgie. Dafür setzt der Autor bewusst auf Details. Ein roter Pullover wird mit der Haut abgerissen, oder der Schnee wird zur Metapher für den Lauf des Lebens - mit der Schlussfolgerung: So wie im Schnee muss jeder seinen eigenen Weg gehen, denn "geht man den Weg des anderen in seinen Fußstapfen, entsteht ein Fußpfad, kein Weg - Löcher."

Wie Grossmans "Leben und Schicksal" wurden auch Schalamows "Erzählungen aus Kolyma" zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Arm und verlassen starb er 1982 in einer Nervenheilanstalt. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr auch Wassili Grossman. Nach Chruschtschows Absage kehrten ihm Freunde und Bekannte den Rücken. Stalin war zwar längst tot, aber in den Menschen lebte noch die genetische Angst vorm GULag. Zwei Jahre nach der Verhaftung seines Manuskripts erkrankte Grossman und starb 1964 in Einsamkeit.

(Die Rezension erschien am 14. Dezember 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)