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A.L. Kennedy: Day

Sehnsucht nach dem Schlachtfeld - Die britische Autorin A. L. Kennedy beschreibt in „Day“ (2007) die Lebensunfähigkeit des Soldaten Alfred Day

Von Marina Neubert

Ein kleiner Fisch war er, der junge Sergeant Alfred F. Day. So klein, dass man ihn sogar in der deutschen Kriegsgefangenschaft nicht lange behalten wollte und ihn wieder zurück ins Wasser warf. In die Freiheit also. Und die britische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy wirft ihn in ihrem Roman "Day" in noch größere Gewässer: In die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch wie ein kleiner Fisch mit der ganz großen Freiheit umgehen soll - das hat Kennedy, die erste Preisträgerin des neuen Internationalen Eifel-Literaturpreises, ihm vorher nicht verraten. Und so, aus einem verschwiegenen Geheimnis des Friedens, wurde eine großartige und hochaktuelle Kriegsenthüllung.

Die 1965 in Schottland geborene Erzählerin schreibt über den Zweiten Weltkrieg mit solch einer Genauigkeit, mit solchem Wissen und Einfühlungsvermögen, dass man oft vergisst, wie jung die in ihrem Land als scharfe Irak-Kritikerin bekannte Autorin eigentlich ist. Erinnert man sich jedoch an ihre früheren Bücher, wie den "Stierkampf", in dem sie, sonst bekannte Tierschützerin, es schaffte, das existenzielle Buch über den Stierkampf zu schreiben, oder an ihren vorletzten Roman "Paradies", in dem sie, die überzeugte Kräuterteetrinkerin, in die Abgründe des Alkoholismus blickte, weiß man, dass die Leidenschaft für das Nicht-Erlebte zu A. L. Kennedys literarischem Markenzeichen gehört.

In ihrem neuen Roman "Day" hat sie die perfideste Folge eines Krieges, den sie selbst nie erlebt hat, nachempfunden: Die Sucht eines in Frieden lebenden Mannes nach der Faszination namens Krieg. Warum führen Männer Kriege? Weil sie sich dabei am meisten gebraucht fühlen und ihre männliche Stärke am besten bestätigt wissen? Der mädchenhaften Britin ist es gelungen, sich in die Seele männlicher Finsternis hineinzuversetzen und der Gefahr der Kriegs-Droge in der Auswirkung auf die Psyche eines jungen Soldaten auf die Spur zu kommen.

Mit Achtzehn hat sich Alfred Day freiwillig zur Royal Air Force gemeldet, um seinem brutalen Vater, einem Fischhändler, zu entkommen. Und ab dann wurde das Bombenwerfen sein eigentlicher Daseinszweck und die Bomber-Mannschaft nicht nur sein Familienersatz und seine Identität bildende Lebensschule, sondern seine ganze Welt. Die reale Welt des Alfie Day ist die Welt des Krieges gewesen. Und das Perfide dabei, dass diese Welt - und nur diese - seine Männlichkeit förderte und ihn wirklich glücklich machte. Dagegen ist die Welt nach dem Krieg zu einer fiktiven Welt geworden. Zurück in England angekommen, versucht er zwar auch außerhalb seiner Rolle als "Kriegie" jemand anderes zu werden, arbeitet sogar in einem Buchladen, doch es gelingt ihm nicht, sich im Frieden wiederzufinden. Im Londoner Zivilleben bleibt er ohne Freunde, ohne richtige Aufgabe und ohne die verstorbene Mutter und die Geliebte Joyce mit den eigenen Verlustängsten allein.

Doch Kennedys Held ist alles andere als ein Nachfahre von Büchners Woyzeck, Borcherts Beckmann oder Stephens' Danny, der, aus dem Krieg zurückgekehrt, sich nicht mehr zurechtfindet, obwohl er sich das am sehnlichsten wünscht. Im Gegenteil: Das Einzige, was sich Alfred Day wünscht, ist, in den Krieg zurück zu kehren, zurück zu sich selbst. Kennedy gelingt es mit ihrer perspektivischen Erzähltechnik, zwei Figuren in einer zu erschaffen: Der "fiktive" Alfred Day nach dem Krieg und der "reale" während des Kriegs. Die inneren Monologe des "realen" Day, der sich an seine Zeit als Bordschütze erinnert, sind feinfühlig und flüssig durchkomponiert, während die "fiktiven" Du-Anreden von ihm, wenn er über seine Nachkriegs-Gegenwart erzählt, oft abgebrochen und chaotisch wirken. Solange Alfred sich erinnert, ist sein Selbstbild real. Sobald er in die Gegenwart herüberwechselt, bekommt er Schwindel- und Ohnmachtsanfälle.

Um ihren Helden wieder sich selbst spüren zu lassen, greift Kennedy zum weiteren Kunstgriff: Sie lässt den Roman 1949 spielen und Alfred für kurze Zeit nach Deutschland zurückkehren, als Komparse in einem Kriegsfilm, der in der Lüneburger Heide gedreht wird. Im nachgestellten Kriegsgefangenenlager bekommt der Kriegssüchtige seinen "Schuss" und wird mittels seiner Erinnerung wieder zu dem, was er mal war. "Im Filmlager hatte Alfred seine alte Gewohnheit wieder aufgenommen, am Zaun entlang zu spazieren. (...) Die Runden hatten kein Ziel, nur die Erinnerung an eines: an den Kriegie Alfred."

Alfred Day kehrt zwar in den imaginären Krieg zurück, doch auch dieses Gefühl macht ihn nicht mehr glücklich. Denn er muss zuschauen, wie während der Dreharbeiten seine persönlichen und einzigartigen Erlebnisse, die wichtigsten Erfahrungen seines jungen Lebens, letztlich auch seine Identität langsam zu Kriegsfilm-Stereotypen werden. Und was bleibt dem Kriegie Alfie am Ende? Das sinnlose Leben danach, in dem seine eigenen Werte pervertiert, seine Moral, Freundschaft, Liebe und Achtung vor der Nachkriegszeit zerstört wurden. Überzeugender als der Britin A.L. Kennedy ist es bislang kaum einem anderen zeitgenössischen Autor gelungen, die tödliche Auswirkung der Kriegsdroge auf einen Menschen nachzuempfinden.

(Die Rezension erschien am 1. Februar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)