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Claire Messud: Des Kaisers Kinder

Claire Messuds Zweifel am amerikanischen Traum: Des Kaisers Kinder

Von Marina Neubert


Jede Nation muss auf eigene Art und Weise mit unerfüllten Träumen zu Recht kommen. Wie schwer sich die Amerikaner damit tun, sich von ihrem großen American Dream nach dem 11. September 2001 zu verabschieden, zeigen die vielen literarischen Auseinandersetzungen mit dem Thema, die allein in den vergangenen drei Jahren erfolgt sind. Der große US-Romanciers Don DeLillo schrieb einmal in einem Essay: "Der Schriftsteller will verstehen, was uns dieser Tag angetan hat." Jonathan Safran Foer hat das Ereignis aus der Sicht eines Kindes beschrieben ("Extrem laut und unglaublich nah"), Don DeLillo selbst aus der Perspektive einer zerfallenen Familie ("Falling Man") und John Updike in "Terrorist" hat versucht zu veranschaulichen, wie ein Mensch zum Selbstmordattentäter wird.

Auch die 42-jährige amerikanische Autorin Claire Messud nimmt in ihrem vierten, von der amerikanischen Kritik hochgelobten Roman "Des Kaisers Kinder" Abschied von den Illusionen über ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie erzählt von verwöhnten New Yorker Aufsteigern, die im Jahr 2001 um die Dreißig sind und feststellen müssen, dass sie selbst ihren eigenen Erwartungen und großartigen Zielen nicht gerecht werden können.

Es ist eine spannende, etwas melancholische Geschichte um den berühmten New Yorker Intellektuellen Murry Thwaite, dessen Tochter Marina, die ohne festen Job wieder in ihr altes, schickes Kinderzimmer in der Upper West Side zieht, um seinen Neffen Bootie, der einen gravierenden Makel in der Biografie seines scheinbar integren Onkels entdeckt, und um den charismatischen Ludovic Seeley, der eine neue Zeitschrift vergebens gründen will.

Die Hauptfiguren des Großstadtromans von Claire Messud - vielschichtig entwickelt und kunstvoll ineinander gespiegelt - sind Gescheiterte auf einem hohen Niveau, die auf einmal erleben mussten, dass auch ihre Aufstiegschancen begrenzt sind, und die mit ihrem eigenen Schicksal eine Art Nachruf auf den großen amerikanischen Traum schreiben. Noch lebt ihre Stadt New York im Glanz der unbegrenzten Möglichkeiten, doch seit dem 11. September schwinden die Perspektiven. Und damit auch die Hoffnungen vieler junger New Yorker.

(Die Rezension erschien am 11. April 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)