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Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter

Clemens Meyer erhielt für seinen Erzählband „Die Nacht, die Lichter“ den Preis der Leipziger Buchmesse 2008

Von Marina Neubert

Noch zu Zeiten von Walter Scott oder Charles Dickens, Marcel Proust oder Thomas Mann, die ihre Außenseiter, Räuber oder Diebe, Exzentriker oder Dandys, gegen eine feste gefügte Gesellschaftsordnung antreten ließen, da gab es diese klar geordnete Sozialstruktur noch. Über allem thronte die Oberschicht, schmal und hoch gewachsen, es behauptete sich die geldbewusste Mittelschicht und es erstarkte die Arbeiterschicht, die die satanischen Fabriken bevölkerte. Heute scheint alles durcheinander geraten zu sein. Die Sonderlinge sind zwar die gleichen geblieben, aber sie lassen sich in den modernen Strukturen nicht mehr eindeutig zuordnen.

Heute steht er, der schmale, hoch gewachsene, sensible, meist studierte Sonderling deshalb gern für einen Verlierer der Wohlstandsgesellschaft. Er sehnt sich nach existenzieller Anerkennung und ein bisschen Seelenglück und ist meistens die durchführende Hauptfigur in den fünfzehn short stories, die im neuen Erzählband "Die Nacht, die Lichter" von Clemens Meyer versammelt sind. Es sind zwar verschiedene Personen - Frank oder Rolf oder ein Boxer, dessen Frau jeden Tag zwölf Stunden in einer Tierfutterfabrik arbeiten muss -, doch im Grunde genommen steht jeder mit seiner eigenen Geschichte für das Gruppenporträt eines geschlagenen Helden.

Der 30-Jährige, seit seinem Debütroman "Als wir träumten" (2006) von der Kritik gefeierte Leipziger Autor, hat mit seinen fünfzehn, sprachlich sehr lakonischen, szenischen Porträts davon erzählt, wovon er, der ehemalige Wachmann am meisten versteht: Von sensiblen Verlierern, die am Rande ihrer Existenz leben und versuchen, es mit Anstand durchzustehen. Von Menschen, die die nächtliche Stadt durchstreifen oder in den Zügen ziellos umherreisen, die mit ihrem Leben kämpfen und manchmal auch alles auf eine Karte setzen. Wie der Held in der Erzählung "Die Nacht, die Lichter", der sich im Grunde keine Fahrkarte mehr leisten kann, und trotzdem in seine eigene Heimatstadt reist, um noch einmal der Frau seines Lebens zu begegnen. Wie der Hundebesitzer Rolf, der auf der Rennbahn sein ganzes Geld verwettet, um eine teure Operation für seinen Hund zu bezahlen. Oder wie der Träumer namens Frank, der in "Warten auf Südamerika" hoffnungsvolle Briefe eines alten Freundes aus Lateinamerika erhält und in sie so vernarrt ist, dass er sich diese Briefe vermutlich auch selbst schreibt.

Doch nicht solche Briefe sind für Clemens Meyer von Belang, nicht die letzte Begegnung mit der geliebten Frau und nicht der Wettgewinn für die Hundesoperation, sondern eine Spur von Hoffnung, die seine Helden einmal empfinden dürfen. Wären Meyers Hoffnungsschimmer nicht vorhanden, dann wären seine Geschichten eine Art moderner Alltagsbanalität, in der sich dreißig-vierzigjährige arbeitslose Typen verlieren, am Leben unnütz vorbei schreitend. Und nur Meyers Lichtstrahlen, die sich ganz plötzlich dort zeigen, wo sie kaum zu vermuten sind - dort, wo jemand die letzte Kippe auf den Boden wegschmeißt, oder die letzte Flasche Bier öffnet, oder seiner Mutter die letzten Geldscheine zusteckt, damit sie ihre Stromrechnung bezahlen kann - , lassen den Himmel kurz aufscheinen, und die Sterne und den Traum von Rio de Janeiro. Nur diese Lichter bringen Meyers alltägliche Sätze zum Leuchten.

Ein guter Dichter würde sich von einem schlechten dadurch unterscheide, sagte einmal der britische Literaturnobelpreisträger T.S Eliot, dass der schlechte nur Anleihen nehme und der gute klaue. Wahrscheinlich erklärt das auch Clemens Meyers literarischen Erfolg. Denn er bedient sich beinahe deckungsgleich der trostlosen Wirklichkeit seiner Figuren - der Klientel von zahnlosen Schnapstrinkern, gewalttätigen Knastschwulen oder Autoknackern und Drogensüchtigen, die wir bereits aus dem Roman "Als wir träumten" kennen. Er bedient sich ihrer verlorenen Illusionen, aber er lässt sie in seinen, nur ihm eigenen, dunkel-leuchtenden Lichtern verschwinden, so dass seine Ton- und Stillage unverwechselbar bleibt.

Ob diese hoch zu schätzende Leistung Meyers nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse honoriert wird, entscheidet die Jury, der es diesmal schwer fallen sollte, den Preisträger zu bestimmen. Denn sowohl inhaltlich als auch sprachlich sind die nominierten Werke in diesem Jahr sehr unterschiedlich. Wie will man sich beispielsweise zwischen dem Porträt der sozial beschädigten Nachwendegeneration eines Clemens Meyers und dem poetischen, sehr persönlichen Mosaik der deutschen Jahrhundertgeschichte einer Jenny Erpenbeck entscheiden? Letztlich kann den Preis nur einer der fünf Nominierten erhalten.

(Die Rezension erschien am 7. März 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)