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Dieter Kühn: Gerturd Kolmar. Leben und Werk

Einsamkeit im Villenviertel: Dieter Kühn schrieb eine Biografie über die Dichterin Gertrud Kolmar

Von Marina Neubert

Dem Biographen und Romancier Dieter Kühn ist mit seiner Biographie "Gertrud Kolmar. Leben und Werk, Zeit und Tod" etwas Großes gelungen. Ähnlich wie Regina Nörtemann, als sie vor fünf Jahren das gesamte lyrische Werk einer der bedeutendsten Dichterinnen deutscher Sprache, der 1943 in Auschwitz umgekommenen Berliner Autorin Gertrud Kolmar, erstmals in einer vollständigen Ausgabe herausgab.

Es fragt sich, warum eine auf knapp sechshundert Seiten verfasste Dichter-Biographie von Kühn so bemerkenswert ist? Es gibt zwei Gründe: Weil sich Dieter Kühn - er hat sich bereits in früheren Büchern mit solch komplexen Persönlichkeiten wie Napoleon, Wolfram von Eschenbach, Clara Schumann oder Christopher Marlowe auseinander gesetzt - mit seiner Kolmar-Biographie an die noch ungeschriebene Lebensgeschichte einer auf tragische Weise vergessenen, deutsch-jüdischen Dichterin heranwagt. Und weil er dabei den Mut besitzt, sich einem der geheimnisvollsten Schicksale in der deutschsprachigen Lyrik anzunähern, das aus unbekannten Mosaiksteinchen, Brief- und Tagebuchfetzen, und natürlich aus einem großartigen literarischen Werk besteht.

Gertrud Kolmar, 1894 in Berlin geboren als Gertrud Käthe Chodziesner, hatte viele Geheimnisse. Ihr privates Leben trug die in der Öffentlichkeit als Hauslehrerin und Sekretärin ihres Vaters, eines assimilierten jüdischen Staranwalts, wirkende Dichterin nie nach außen. Über ihre älteste Tochter sagte selbst Gertrud Kolmars Mutter: "Mein Trudelchen fremdelt so sehr." Dieses Sich-fremd-fühlen empfand die in der Berliner Villenkolonie Westend groß gewordene, empfindsame junge Frau immer schon - noch lange bevor die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie ihr einen Grund dafür lieferte.

In einem ihrer eindringlichsten Gedichte, "Die Jüdin", schrieb sie: "Ich bin fremd / Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen / Will ich mit Türmen gegürtet sein / Die steile, steingraue Mützen tragen/ In Wolken hinein." Anders als Nelly Sachs oder Else Lasker-Schüler hat Gertrud Kolmar ihren Zweitvornamen Käthe durch "Sara" ersetzen lassen müssen, so dass sie nie eine wirkliche Chance erhielt, ihren Durchbruch als Dichterin in Deutschland zu erleben.

Dabei verdient es die Lyrikerin Kolmar mit Fug und Recht, als unbekannte Klassikerin der literarischen Moderne bezeichnet zu werden. Ihre von Dieter Kühn akribisch recherchierte - von der Geschichte des alten Chodziesnerzweigs bis hin zu den Eintragungen in den Akten eines Sanatoriums, in dem sie sich mit ihrer Mutter kurz vor dem Schwangerschaftsabbruch aufhielt - und aus Kolmars Gedichten einfühlsam interpretierte, zu einem beachtlichen Teil rekonstruierte Lebensgeschichte gewährt uns einen zwar episodischen, doch einen glaubwürdigen Einblick in einige Abschnitte ihres Lebens und Wirkens.

Dieter Kühn bettete in seine Biographie die Privatperson in ein gesellschaftliches Zeitpanorama sehr behutsam ein - von der wilhelminischen Ära bis hin zur Nazizeit. Im letzten Kapitel seines Buches weist er auf die symbolische Bedeutung der Gertrud-Kolmar-Straße in Berlin hin, die nun quer durch den Baugrund der ehemaligen Reichskanzlei, quasi durch die deutsche Geschichte hindurch führt.

(Die Rezension erschien am 17. Oktober 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)