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Franz Kafka: Neue Biografien zum 125. Geburtstag

Franz Kafka: Die Verwandlung

Ein Käfer lebt in jedem von uns - Franz Kafka verlieh mit seiner Novelle „Die Verwandlung“ (1915) der menschlichen Angst einen eigenen Namen

Von Marina Neubert

Jeder weiß, wie es heißt, wenn aus einem Menschen ein Ungeziefer wird: Es heißt "kafkaesk". Es ist ungeheuerlich, aber irgendwie auch wirklichkeitsnah. Doch niemand weiß, wie dieses Ungeheuer aussieht. Als der 32-jährige Franz Kafka hörte, dass Ottomar Starke das Titelbild zur Ersterscheinung seiner Novelle "Die Verwandlung" (1915) illustrieren wollte, bat er seinen Verleger Kurt Wolff: "Das Insekt selbst kann nicht gezeichnet werden. Es kann aber nicht einmal von der Ferne aus gezeigt werden!" Hatte der promovierte Jurist aus Prag, der in einer Versicherungsanstalt die Tage und bei der Niederschrift fast aller seiner literarischen Werke die Nächte verbrachte, Angst, in dem Insekt wiedererkannt zu werden?

Ja, er hatte Angst. Der kränkliche, in sich gekehrte, für die Außenstehenden ziemlich sonderbare Franz Kafka hatte sein Leben lang Angst davor, eines Morgens als ein Ungeziefer aufzuwachen, von seiner Schwester verraten, von der Mutter abgestoßen und vom Vater lebensgefährlich verletzt zu werden, um dann in Einsamkeit zu sterben und auf eine Mülldeponie geworfen zu werden.

Und in diesen Bildern konzentrierte sich seine ewige Angst vor dem Ausgestoßensein: Als Sohn eines dämonischen Vaters, als Mann, der sich vor Frauen und der Impotenz fürchtete, als heimatloser Jude unter Tschechen, Österreichern und Deutschen.

Er fürchtete sich immer schon davor, isoliert und geächtet zu werden, doch an einem verregneten Novembermorgen 1912, als er im Bett länger liegen geblieben war als sonst, und den Blick über Wände wandern ließ, fürchtete er sich vor dieser Situation am meisten. Und in der kommenden Nacht schrieb er die Verwandlung eines Handelsvertreters Gregor Samsa in ein riesiges Ungeziefer nieder. Die Novelle ließ er mit seiner eigenen Horrorvorstellung enden: Die glückliche Familie Samsa macht nach dem Tod ihres Sohnes einen Ausflug und bespricht ihre Zukunft, endlich ohne dieses schreckliche Insekt daheim.

Kafka beschrieb in "Der Verwandlung" seine Angst vom Anderssein. "Ich lebe", gestand er Carl Bauer, "als ein Fremder." Fremdheit, Nichtigkeit und Ausgestoßensein sind seine Vorstellungen, die er im Bild des Ungeziefers so einleuchtend verdichtet hat, dass dieses Bild zur Schlüsselmetapher der Angst in der Weltliteratur wurde. Er, der sich vor dem Tod stets fürchtete und letztendlich mit einundvierzig Jahren an Lungentuberkulose verstarb, offenbarte die tiefsten und ältesten Albträume der Menschheit: Ein Schicksal, so unwiderruflich wie der Tod, doch ohne dessen Trost.

Dabei scheint uns seine Verwandlungsgeschichte glaubwürdig, obwohl sie doch per se von etwas Unmöglichem handelt! Kafka gelingt es mit seiner Novelle eine neue Realität, die Realität der Angst zu erschaffen, in der wir uns alle wiederfinden, als sei die Furcht, ein ausgestoßenes Ungeziefer zu sein, ein allgemeiner Zustand. Deshalb ist auch die Wirkung der Novelle universell: "Die Verwandlung", obwohl sie als ein individuelles Traumgebilde von einem angsterfüllten Autor entstanden ist, wird zum Produkt der kollektiven Angstphantasie. Sie überschreitet die Grenzen des Wahrscheinlichen, aber nicht um der wirklichen Welt zu entfliehen, sondern um sie zu beschreiben. Kafkaesk! Doch darin besteht auch Kafkas literarische Genialität.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 4. August 2007)