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Kafkas letzte Liebe

Franz Kafka: Die Verwandlung

Franz Kafka: Neue Biografien zum 125. Geburtstag

Kafkas ewiges Geheimnis - Seine wenigen Stunden der Liebe verbrachte der leidgeprüfte Dichter in der Steglitzer Grunewaldstraße 13

Von Marina Neubert

Wenn wir das Wort "kafkaesk" gebrauchen, dann ist es oft ein Ausdruck für ein sonderbares Gefühl: Etwas Ungewisses, Bedrohliches. In Woody Allens "Stadtneurotiker" wacht eine junge Frau neben dem Filmheld auf und macht ihm ein bizarres Komplement. Der Sex mit ihm sei ein kafkaeskes Erlebnis gewesen, sagt sie. Natürlich denkt sie in jenem Augenblick nicht an den Prager Juristen und bescheidenen Versicherungsbeamten Dr. Franz Kafka, der ohne es zu wissen und vor allem zu wollen, dafür sorgte, dass die Menschheit für das Unheimliche endlich mal einen Ausdruck fand.

Doch das beste Beispiel für dieses überall auf der Welt gebrauchte Wort ist das Lebensgefühl von Franz Kafka selbst: Denn wie kaum ein anderer war er - der geniale Schriftsteller, der neben dem Iren James Joyce und dem Franzosen Marcel Proust die Hauptthemen der literarischen Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts als erster ansprach - sein Leben lang dem unheimlichen Gefühl dunkler Ungewissheit, Entfremdung und Einsamkeit hilflos ausgeliefert.

Warum? Und warum wollte er - ein Junggeselle, der vergebens mehrere Versuche unternahm, sich zu binden und der letztendlich die meiste Zeit seines kurzen, nur vier Jahrzehnte währenden Lebens in der Alchimistengasse auf dem Prager Hradschin zurückgezogen verbrachte - dieses ihn quälende Gefühl auch noch geheim halten? Warum versuchte er hinter der glatten Fassade eines tschechischen Beamten die Heimatlosigkeit eines westjüdischen Schriftstellers mitsamt all seiner Manuskripte vor der Öffentlichkeit zu verbergen?

Keine leichten Fragen. Kafkas Forscher und Biografen bemühen sich bereits seit Jahrzehnten sie zu beantworten - mal mit fortgeschrittenem, mal mit mäßigem Erfolg. Überwiegend aber stellen die bedeutendsten aller Kafka-Biografien - wenn man sie als ein Gemeinschaftswerk betrachtet - eine Art Puzzle dar, in dem das eine oder das andere Stückchen Kafka immer noch fehlt.

Nun fügt, kurz vor seinem 125. Geburtstag, einer seiner wichtigsten Biografen Reiner Stach mit dem jüngst erschienenen Band "Kafka. Die Jahre der Erkenntnis" zum Kafka-Mosaik einige Steinchen meisterhaft hinzu. Genauso wie seine erste Roman-Biographie "Kafka. Die Jahre der Entscheidungen" (2002) liest sich auch die aktuelle Beschreibung der letzten Lebensjahre des Schriftstellers wunderbar. Durch die Verbindung, gar ein Wechselspiel des Erzählerischen mit ausführlichen Recherchen in Archiven, Studien der Briefe, Tagebücher, Werke, Erinnerungen gelingt es Reiner Stach auch diesmal, eine Art authentische Glaubwürdigkeit zu erzeugen, die uns das sonst so verschlossene Genie etwas vertrauter macht.

Ein sehr schönes Mosaiksteinchen zum Verständnis Kafkas ist mit Sicherheit die Beschreibung des letzten Winters in seinem Leben (1923/24), den der vierzigjährige Tuberkulosekranke an der Seite von Dora Diamant - zum ersten Mal mit einer Frau auf einem engen Raum und vielleicht auch zum ersten Mal glücklich - in der Grunewaldstraße in Berlin-Steglitz verbringt. Reiner Stach lässt durch Doras junge Augen voller Liebe und Fürsorge ein großartiges, sehr inniges Spiegelbild Kafkas entstehen, ohne die Intimität seines Lebens und Schreibens, die für ihn als erste Priorität galt, zu zerstören. "Für Dora repräsentierte Kafka ein menschliches Ideal", schreibt Stach, "ein Mann, der seine jüdische Identität völlig bejahte und der dennoch alles, was sie am Westen faszinierte, aufgesogen und in höchstem Maß verfeinert hatte."

Doch bei allem Verständnis, das der Biograf Reiner Stach dem Schriftsteller Franz Kafka entgegen bringt, bleiben viele Stellen in dem unergründlichen Kafka-Mosaik offen. Weder seine Nachforschungen noch mehrere Interpretationsversuche entschlüsseln beispielsweise Kafkas panische Angst, die Geliebte Dora seiner Familie vorzustellen oder sein Zögern, sie später ins Sanatorium in Kierling nach Österreich kommen zu lassen. Und es ist Reiner Stach hoch anzurechnen, dass er dies ehrlich zugibt. Solche Eingeständnisse wie "Belegen lässt es sich nicht" oder "Wir wissen es nicht" sind im Endeffekt nicht weniger wichtig für die Annäherung an Kafkas innere Welt als irgendwelche Zeugnisse.

Nicht nur der Landvermesser K. aus seinem genialsten, 1922 entstandenen Werk "Das Schloss" ist untröstlich, weil er "ohne gräfliche Erlaubnis" an Kafkas "großes Schloss" nicht heran kommt. Wir alle sollten uns langsam daran gewöhnen, dass der Autor selbst ein geheimnisvolles Schloss ist, zu dem keiner den ultimativen Zutritt bekommt.

Kürzlich, da die wichtigsten Neuerscheinungen zu seinem 125. Geburtstag auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind - darunter auch die bis jetzt umfangreichste Bilderbiographie von Klaus Wagenbach und die Lebenschronik in Bildern von Hartmut Binder - wurden alle Kafka-Kenner vom tschechischen National-Literaturmuseum in Prag kalt überrascht. Es präsentierte den bislang unbekannten hebräischen Kafka-Brief von 1919, gerichtet an seine Freundin Julie Wohryzek. Der Brief sollte das einzige Dokument sein, das Kafkas Liebesbeziehung zu Wohryzek belegt.

Und was nun? Die verblüfften Biografen werden wohl dieses Kapitel seines Lebens wieder neu erforschen und bewerten müssen. Immer ein Geheimnis zu sein - das war und bleibt Kafkas Vermächtnis.

(Die Rezension erschien am 20. Juni 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)

Biografisches Der am 3. Juli 1883 in Prag geborene Franz Kafka kam im September 1923 nach Berlin. Hier fand er in Dora Diamant seine letzte und einzig erfüllte Liebe. Kafka bewohnte zunächst eine kleine Wohnung in der Miquelstraße 8. Bald darauf folgte der Umzug in die Grunewaldstraße 13. Bereits im Frühling 1924 kehrte der schwerkranke Dichter nach Prag zurück, um schließlich am 3. Juni 1924 im Sanatorium Kierling bei Klosterneuburg zu versterben.