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Gertrud Kolmar: Die jüdische Mutter

Die tragischste Liebe aller Zeiten - Warum in Gertrud Kolmars „Die jüdische Mutter“ ein Kind sterben muss

Von Marina Neubert

Martha Wolg liebt aufs Innigste ihre kleine Ursa. Doch wie groß muss die Liebe sein, damit sie eine Mutter in den schier wahnsinnigen Zustand versetzt, ihr eigenes Kind zu töten? Martha ist alles andere als eine Medea, die aus Rache "ihr Einziges und Letztes" opfert, und sie ist auch keine Martha Goebbels, die mit dem Mord an den eigenen Kindern ihren verlorenen Idealen die letzte Ehre erweist, sondern eine Mutter, die in der Liebe zu ihrem Kind den einzigen Lebenssinn sieht!

Sie ist jene tragische Hauptfigur in Gertrud Kolmars Roman "Die jüdische Mutter", den die deutsche Lyrikerin, die 1943 in Auschwitz umkam, bereits Anfang der Dreißigerjahre schrieb. Sie ist die liebende Mutter, die ihr eigenes Kind tötet. Sie ist diejenige, die aus Liebe zu ihrer Tochter vom Hass überwältigt wird. Dabei herrscht zunächst das Glück: In das einsame Leben der Berliner Fotografin Martha Wolg wird ein Kind hineingeboren. Die innigste Zweisamkeit, die die Menschheitsgeschichte überhaupt kennt, entsteht - die Mutter-Kind-Liebe. Jeden Abend geht die fünfjährige Ursula beseelt ins Bett mit den Worten "Gute Nacht, meine liebe Mutter". Und jeden Abend hört sie das vertraute "Schlaf wohl, liebes Kind".

Für die junge Witwe Martha ist die kleine Ursa ihr Ein und Alles. Mit ihr lässt sich auch die Last der äußeren Zwänge, durch den die assimilierte Jüdin mehr und mehr in eine gesellschaftliche Außenseiter-Position gedrängt wird, leichter ertragen. Bis eines Tages das Mutterglück in einer verwahrlosten Gartenlaube endet, in der Martha ihr schwer misshandeltes Kind entdeckt. Sie hält das Leid ihres Kindes nicht aus - und tötet ihre kleine Ursa mit einer Überdosis Schlafmittel. Ist es der Befreiungsversuch einer liebenden Mutter? Ein Versuch, dem über alles geliebten Wesen den Schmerz zu ersparen? Oder ist es eher die Vorstufe zum Selbstmord als Bestrafung für die eigene Schuld, nicht genug auf das Kind aufgepasst, es dem Bösen ausgeliefert zu haben?

So oder so - Marthas Zweisamkeit endet und damit auch ihre einzige Möglichkeit, selbst glücklich zu sein. Es beginn ihr Rennen ins Unglück, mit Männern und Rechtsanwälten und den Gedanken der Rache am Sexualverbrecher. Ihr Leben wird von taumelnder Verführung und vor allem von schauderhaftem Hass begleitet, der sie schließlich zum Selbstmord führt. Sie stürzt sich in die Spree. Marthas Modell des glücklichen Rückzugs ins mütterliche Innenleben, voller Liebe und Zuversicht, weg von den zu jener Zeit schlimmer und schlimmer werdenden antijüdischen Ressentiments, scheitert.

Doch warum tötete sie nun ihr geliebtes Kind, obwohl es medizinisch gesehen Überlebenschancen hatte? Wahrscheinlich könnte nur noch die Lebensgeschichte Gertrud Kolmars, die als Tochter des jüdischen Rechtsanwaltes Ludwig Chodziesner im Charlottenburger Westend aufwuchs, diese Frage annähernd beantworten. Sie, eine wohlbehütete Tochter? Während ihrer Ausbildung zur Sprachlehrerin kommt es zu einer unglücklichen Liebesbeziehung mit einem Offizier. Die Eltern treten dazwischen, und die selbst "Ausgegrenzte und Verachtete" sollte auch ihr Leben lang unter der frühen, von den Eltern erzwungenen Abtreibung leiden. Sie blieb kinderlos, während das Thema Schuld und Sühne ihr gesamtes literarisches Schaffen begleiten wird. Mit Martha Wolgs Kindes- und Selbstmord hat sich Gertrud Kolmar selbst verurteilt.

Denn Martha - der literarischen Kulmination des weiblichen Schuldbewusstseins von Gertrud Kolmar - gelang es auf diese Weise, sich selbst gleich dreimal umzubringen. Das Höchstmaß der Selbstbestrafung. Zunächst durch die Schuld ihrer Tochter gegenüber, die sie vor der feindlichen Umgebung nicht schützen konnte, dann durch den selbst veranlassten Verlust des Kindes und schließlich durch das eigene Ertrinken.

Wer sein eigenes Fleisch und Blut tötet, so lässt uns Gertrud Kolmar wissen, tötet in erster Linie sich selbst. Dahinter offenbart sich die tragischste Liebe, die es seit Menschengedenken gibt.

(Die 19. Folge der Serie „Liebesgeschichten aus Berlin“ erschien am 30. Juli 2008 in der Berliner Morgenpost)