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Imre Kertesz: Liquidation

Das Unrecht auf Selbstmord - Imre Kertész beweist mit seinem Roman „Liquidation“ (2003) erneut, wie unverzichtbar das eigene Leben ist

Von Marina Neubert

Wer glaubt, Imre Kertész habe den Nobelpreis für Literatur bekommen, weil er die Wahrheit über Auschwitz aufs Papier gebracht hat, der irrt sich. Es gab zum Glück auch andere Autoren, die die Wahrheit offenbarten. Nein, die höchste Ehre - den Preis bekam er 2002 - hat der ungarische Jude nicht dafür verdient, dass er die Wahrheit erzählte, sondern dafür, dass er sie lebte und, nachdem er als 16-Jähriger aus Auschwitz-Buchenwald zurückgekommen war, unbeirrbar weiter lebt.

Die Wahrheit hat für ihn die höchste Priorität. Und sein Mut, als schicksalloser Jude, "überall und jederzeit auf dieser Welt erschiessbar", weiter zu leben und zu schreiben, damit die Erinnerung wach bleibt, macht ihn zu einem der größten Schriftsteller unserer Zeit.

Seine Bücher sind schwierig. Aber nicht, weil er mit literarischen Postmodernitäten experimentiert, sondern weil er Wahrheiten sagt, die genauso schwer wiegen wie die Verletzungen, die sie hervorgebracht haben. Und es gibt keinen anderen Autor, der diese Verletzungen so radikal und schonungslos beschreiben kann wie Imre Kertész. Sein berühmter Satz, wonach Auschwitz jederzeit wieder möglich wäre, weil das, was es ermöglicht hat, nämlich unser tägliches Leben, nicht verschwunden sei, ist der Kern seines literarischen Oeuvres. Dass aber neben dieser Schonungslosigkeit, trotz allem, eine Lebensbejahung in seinem Werk entsteht, ist das zweite, unverwechselbare Merkmal des Autors.

"Liquidation" (2003) ist der vierte Band einer Reihe, die Kertész mit seinem erschütternden "Roman eines Schicksallosen" (1975) begonnen und mit "Fiasko" (1988) sowie "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" (1990) fortgesetzt hat. Doch während die ersten drei Romane mitten hinein in die Hölle führten, nähert sich "Liquidation" den Qualen der Nachgeborenen.

Sein Romanheld B., 1944 in Auschwitz geboren, ist Schriftsteller und Übersetzer im sozialistischen Ungarn - wie Kertész auch. Doch anders als Kertész erträgt B. die 1990 anbrechende Freiheit nicht - und bringt sich um. Für Verlagslektor Keserü wird das aus seinem Nachlass gerettete Theaterstück "Liquidation" zum Drehpunkt der eigenen Existenz. Denn was bleibt in der Welt nach Auschwitz, wenn alle Zeugen - Täter wie Opfer - tot sind? Bleibt die "Chiffre Auschwitz" für alle Zeiten unentschlüsselbar?

Mit der strengen Sachlichkeit eines Primo Levi und mit der kritischen Nachdenklichkeit eines Jean Améry setzt sich Imre Kertész in "Liquidation" mit dem Recht beziehungsweise Unrecht auf Selbstmord auseinander. Darf man in einer Welt, in der Auschwitz möglich war und immer noch ist, weiter leben? Primo Levi und Jean Améry haben sich für den Freitod entschieden. Imre Kertész hat einen anderen Weg gewählt: Er lässt in "Liquidation" seinen Romanhelden Selbstmord begehen, doch er, der Autor, bleibt am Leben.

Denn erst der Selbstmord macht die endgültige Liquidation möglich: Das Lebenswerk des Selbstmörders verschwindet, und mit ihm auch seine Erinnerung. Verschwindet aber das Gedächtnis von Auschwitz, haben die Täter ihr Ziel erreicht. Kertész kann das nicht zulassen. Er schließt für sich selbst den Suizid als eine unzulässige Lebenserleichterung aus. Er, der Schicksallose, hat sich fürs Schreiben entschieden, damit im Gedächtnis der Lesenden das Unmenschliche als Warnung rot leuchtet. Denn nur so haben wir überhaupt das Recht auf ein Schicksal.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 13. August 2007)