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Irina Liebmann: Wäre es schön?

Rütteln am eigenen Vater - Die Leipziger Buchpreisträgerin Irina Liebmann stellt ihr Buch „Wäre es schön? Es wäre schön!“ vor

Von Marina Neubert


Irina Liebmanns Herz ist zweigeteilt: In Ost und West. Und obwohl die ehemalige Ost-Berlinerin noch vor der Wende in den Westen ging und dort erfolgreich wurde, hört sie ihr Leben lang nicht auf, in ihren Büchern nach einem geeigneten Rezept gegen die innere Zerrissenheit zu suchen. Und jeder, der das abstreiten würde mit der oberflächlichen Begründung, sie sei doch schon längst eine rundum anerkannte Schriftstellerin - kürzlich sogar mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für die Erinnerungen an ihren Vater Rudolf Herrnstadt ausgezeichnet -, macht nur umso deutlicher, wie geschickt diese innere Wunde mit der Pracht der Lorbeerkränze überdeckt werden kann.

Auch in ihrem jüngsten Werk "Wäre es schön? Es wäre schön!" setzt Irina Liebmann ihre Suche nach dem Heilmittel fort. Es scheint so etwas wie ein Familienfluch zu sein, dass die Tochter ebenso wie ihr Vater, der berühmte DDR-Journalist Rudolf Herrnstadt - der nach dem Krieg die "Berliner Zeitung" mitbegründete, Chefredakteur des "Neuen Deutschland" war, doch die SED-Führung scharf kritisierte und dafür in die Provinz verbannt und aus der Partei ausgeschlossen wurde -, Gegensätze in sich trägt, die sie miteinander zu vereinbaren versucht.

Geboren im Moskauer Exil

Auf den ersten Blick scheint es wirklich so zu sein, als habe alles im Leben der 1943 in Moskau - im Exil ihres jüdisch-kommunistischen Vaters - geborenen Irina Liebmann nun endlich seinen richtigen Platz gefunden. Nachdem sie als Mädchen den politischen Fall ihres Vaters in der DDR miterleben musste, übersiedelte sie als Erwachsene nach West-Berlin, arbeitete als Journalistin, schrieb Romane, Gedichte, Theaterstücke, wurde dafür mehrmals gewürdigt. Doch in all den Jahren hat sie nicht aufgehört, unter der Last der ewig unbeantworteten Frage zu leiden: Was ist mit ihrem "geteilten" Land, mit dem Leben ihres Vaters und in Folge auch mit ihr selbst in diesem komplexen Ost-West-Gefälle eigentlich geschehen?

Doch sowohl ihr Land, das eines Tages "wie Schnee in der Sonne zerging" als auch ihr Vater, der lange nach seinem Tod, bereits nach der Wiedervereinigung, einerseits als ein Träumer, "der mehr Demokratie in der SED verlangte", gelobt und andererseits als ein Hardliner und "kommunistischer Parteijournalist" beschimpft wurde, schwiegen sie an. "Uns haben sie hinterlassen mit ihrem Schweigen", wirft sie dem Jahrgang ihres Vaters vor, "Herzlichen Dank auch für diese Erbschaft." So ist Irina Liebmann ihr Leben lang bemüht gewesen, dieses Schweigen zu brechen. Stets suchte sie nach eigener Herkunft und Zugehörigkeit, und immer begleitete sie dabei die Figur ihres Vaters.

Bereits im Roman "In Berlin" (1994) und später auch in "Die freien Frauen" (2004) ließ sie ihren Vater als eine Nebenfigur auftauchen, die die weibliche Hauptfigur auf der Spurensuche nach dem eigenen Ich zu lenken scheint. Sie lässt beispielsweise ihre zweifelnd-suchende Elisabeth Schlosser in "Die freien Frauen" eines Morgens nach Katowice fahren, dorthin, wo ihr Vater vor dem Krieg lebte. Man sagt, Wunden müssten an ihrem Ursprung geheilt werden.

Auch in ihrer sehr präzisen, bewusst distanzierten Auseinandersetzung mit der Biographie und dem Schicksal ihres Vaters, den sie gekonnt als eine exemplarische Figur der Zeitgeschichte zu platzieren weiß, hofft Irina Liebmann zu verstehen: Wie konnten so viele selbstlose, für eine gute Sache kämpfende Menschen, wie auch ihr eigener Vater es war, derart blind gewesen sein, zu übersehen, was aus ihren schönen Ideen geworden ist?

Das Leben war eine bewusste Verstellung

Ein kurzer Dialog zwischen Tochter und Vater, in dem es auf den ersten Blick um eine Belanglosigkeit geht, um moderne Ballerinaschuhe, die sie sich als Mädchen wünschte, mag exemplarisch sein. Der Vater reagierte auf den Wunsch der Tochter gekränkt: "Die ersten Ballerinaschuhe hätten bei uns im Osten hergestellt werden können - wenn man die Menschen nur ließe! Was spricht dagegen?" Und die nicht ausgesprochene Antwort der Tochter: "Dagegen spricht, dass er selber einer derjenigen war, der Leute nicht einfach machen ließ."

Václav Havel sagte einmal, die Fälschung des Lebens in der sozialistischen Epoche sei eine extreme Form der generellen Fälschung des Lebens gewesen. Aber um welche Illusion ging es dann diesen Menschen, wenn es tatsächlich eine war? Liebmann lässt eine alte Fotografin bereits im Prolog diese Frage (nicht) beantworten: "Das lässt sich nicht mehr vermitteln", sagt sie. In der Tat: Denn am Ende des Buches stehen noch mehr Fragen offen als am Anfang.

(Die Rezension erschien am 28. März 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)