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Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten

Ein SS-Offizier als Hauptfigur des Romans - Jonathan Littell stellt in Berlin sein umstrittenes Buch „Die Wohlgesinnten“ vor (2008)

Von Marina Neubert

Max Aue ist ein Mörder. Aber er ist kein Krimineller, kein Sadist, sondern ein gebildeter, sensibler Henker - aus Pflichtbewusstsein dem deutschen Volk und seinem Führer gegenüber. Er ist widerwärtig. Nicht nur deshalb, weil er einst ein SS-Obersturmbannführer war, der sich von einem Massaker zum anderen wie auf einer Dienstreise durch den Zweiten Weltkrieg fortbewegte und es Jahrzehnte danach nicht bereute. Und auch nicht nur, weil er seine eigene Schwester, von der er sexuell besessen war, auf eine Guillotine legte, und weil er seine Mutter und seinen besten Freund umgebracht hat.

Der SS-Offizier Dr. jur. Maximilian Aue, die Hauptfigur und der Ich-Erzähler des umstrittenen Romans „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell ist in erster Linie deshalb abstoßend, weil seine Existenz uns beweist, dass die schrecklichsten Taten nicht die Taten von Monstern, sondern von Menschen sind, und dass wir, die Menschen, a priori zu allem in der Lage sind, wenn die Umstände uns zu Verbrechern machen oder es uns erlauben, ungestraft Verbrecher zu werden. Max Aue mag nicht Unrecht haben, wenn er seine Botschaft an uns, die Nachgeborenen, richtet: „Ihr hättet es genauso tun können. Kriege beweisen: der Mensch tut fast alles, was man ihm sagt.“

Jonathan Littell, ein vierzigjähriger, in Französisch schreibender amerikanischer Jude, hat es fertig gebracht, sich in die Seele eines SS-Mörders hineinzuversetzen und den Leser auch dazu zu bringen, diesem Mörder wie verhext zu folgen - ohne einen einzigen Augenblick lang Sympathie für ihn zu empfinden. Es gab auch schon früher Massenmörder in der Literatur, die sich an ihre Taten erinnerten. In Robert Merles frühem Werk ergriff ein Henker bereits vor Jahrzehnten das Wort. Doch Littell distanziert sich von seinem Henker nicht, wie Merle es tat. Im Gegenteil: Er erfindet die Figur des Täters, schreibt sie in die dokumentierte, von ihm anhand historischer Quellen, unter anderem mit Hilfe der umfangreichen Materialien von Raul Hilberg und Claude Lanzmann brillant rekonstruierte Wirklichkeit des Romans ein und übernimmt selbst die Rolle des Henkers.

Eine solch ausführliche und eindringliche Schilderung von Gräueltaten in der NS-Zeit aus der Sicht eines Täters hat es bislang in der Fiktion noch nie gegeben. Die Tätersicht ist auch Littells genialer Kunstgriff, denn Max Aue, obwohl er seine Lebensgeschichte - die eines Juristen, der sich als junger Student für den Faschismus begeisterte und eine Karriere als SS-Obersturmbannführer machte - erzählt, ist eigentlich viel weniger eine Person als ein Blick. Mit seinen Augen lässt Littell das Grauen erfassen, mit seiner Stimme darüber berichten.

Der Blick von Aue, mit dem Littell uns eines der größten Massaker, die Massenerschießung in der Schlucht von Babi Jar sehen lässt, ist allem überlegen, was die Literatur bis jetzt zu diesem Thema gebracht hat, inklusive dem großartigen Poem des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko „Babi Jar“, das von Dmitri Schostakowitsch in seiner 13. Sinfonie vertont wurde. In Jonathan Littells Roman ist es der Blick des Täters, der dem Leser - der sich inzwischen an die Perspektive der Opfer in der Literatur gewöhnt hat und versucht, den Schrecken in ihren Augen an sich nicht mehr heran zu lassen -, dieses Grauen erneut näher bringt. Im entsetzten Blick von Max Aue, in seinem hechelnden, beinahe erstickten Erzählton, von langen, aufeinander prallenden Sätzen überschüttet, spiegelt sich das Ausmaß des Schreckens seiner Opfer in Babi Jar wieder.

Drei große Ziele verfolgte Littell mit seinem 1400 Seiten starken Roman. Zum einen wollte er in uns, den Vergesslichen, die Erinnerung an den Genozid an den Juden wachrufen. Es ist ihm mehr als gelungen. Er hat bewiesen, dass auch für junge, nachgeborene Schriftsteller die Shoah zum Romanstoff werden kann, denn allein von historischen Dokumenten leben die Erinnerungen nicht.

Littell, der selbst keine existenzielle Verbindung zum Judenmord hat, ist es gelungen, diese Erinnerung für das angehende 21. Jahrhundert aus der neuen Perspektive heraus auszubauen. Darin liegt die größte Stärke seines streitbaren Romans. Zum anderen wollte er uns, den Unschuldigen, die Botschaft eines Täters übermitteln, dass jeder von uns sich schuldig machen könnte. Auch dies ist bei uns - durch den Zugang in das Denken und Fühlen eines Henkers, der auch ganz gewöhnliche, uns allen ähnliche Bedürfnisse hat - angekommen.

Doch genau in diesen Stärken, die auf der erfundenen Figur des Mörders Max Aue basieren, liegt auch die Schwäche des gewaltigen Epos von Jonathan Littell, die es ihm unmöglich macht, sein drittes Ziel zu erreichen und die Frage zu beantworten, warum die Mörder mordeten. Denn sein NS-Täter ist eine fiktive Figur. Ebenso seine Seele, seine Augen, seine Worte.

Anhand der erfundenen Gefühle eines Täters, den es nie gegeben hat, lässt sich nicht das Geheimnis der wirklichen Täter lüften. Es bleibt ein Gedankenkonstrukt von Littell, der letztlich die Verantwortung für die Motivation des Mordens vom Innenleben des Individuums auf die Gesetze eines Ausnahmezustandes verschiebt. Weil er selbst kein Täter und dieser Motivation gegenüber hilflos ist.

(Die Rezension erschien am 22. Februar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)