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Zum 80. Geburtstag

Milan Kundera: Die Identität

Anonyme Liebesbriefe - Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera schildert in seinem Roman „Die Identität“ (1997) den Selbstverlust eines Paares

Von Marina Neubert

Der in Französisch schreibende Tscheche Milan Kundera teilt das Schicksal jener Autoren, deren Leben nach der Emigration unwillkürlich in zwei Teile zerfällt: Heimat und Exil. Als er nach dem Prager Frühling zur Persona non grata im tschechischen Kulturleben wurde, ging er mit seiner Ehefrau nach Frankreich. Sein 1978, bereits in Frankreich entstandener Roman "Das Buch vom Lachen und Vergessen", in dem er mit seiner kommunistischen Vergangenheit abrechnet, führte zum Entzug der tschechischen Staatsbürgerschaft. Daraufhin verließ er endgültig sein Land, zog nach Paris und schrieb dort "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1982), den Roman, der ihn international bekannt machte. In Frankreich angekommen, tastete sich Milan Kundera jahrelang durch den Dschungel der französischen Grammatik, flickte sich mühsam den französischen Wortschatzteppich zusammen, bis er seinen ersten Roman in Französisch verfasste - "Die Langsamkeit" (1994). Danach folgten "Die Identität" (1997) und "Die Unwissenheit" (2000). In diesen drei wundervoll geschriebenen Psychodramen des so genannten "französischen Zyklus" geht es mehr oder minder um den Verlust. Um den Verlust der Liebesfähigkeit, der Erinnerung, des eigenen Selbst, der Heimat.

Der Roman "Die Identität" erzählt die Geschichte vom Selbstverlust. Jean-Marc und Chantal sind die beiden Figuren, die zunächst einander, dann aber auch sich selbst verlieren. Sie sind ein Paar. Chantals fünfjähriger Sohn ist gestorben, Jean-Marc hat ein gescheitertes Medizinstudium hinter sich. Doch seit Jahren leben sie miteinander in der Gewissheit ihrer Zusammengehörigkeit, bis eines Tages etwas geschieht.

Jean-Marc, der Chantal in ein Strandbad nachgereist ist, verwechselt ihre Gestalt von weitem mit der einer anderen Frau: "Ist der Unterschied zwischen ihr und den anderen wirklich so winzig? Wie ist es möglich, dass er die Gestalt des am meisten geliebten Menschen nicht wieder erkennt?" Zur selben Zeit und am selben Meeresufer überkommt Chantal eine nicht weniger seltsame Erkenntnis: "Die Männer drehen sich nicht mehr nach mir um."

Sie beklagt sich bei Jean-Marc, keiner erkenne sie mehr als Schönheit an. Daraufhin erhält sie regelmäßig anonyme Liebesbriefe. Die Bewunderung eines Fremden entfacht in ihr eine neue Leidenschaft, bis sie mit Entsetzen feststellt, dass Jean-Marc ihr aus Mitleid diese Briefe geschrieben hat.

Von diesem winzigen Riss im Gewebe ihrer Identität aus setzen Chantal und Jean-Marc einen Mechanismus in Gang, der zum Bruch zwischen ihnen führt. Jedes Wort, jede Geste, jede Situation, die sie erfinden, um den gerissenen Faden wieder zusammenzuflicken, führt sie weiter zum Verlust. Sie verlieren zunächst das Vertrauen zu einander, dann den anderen, letztendlich auch sich selbst.

Wie schnell kann man seine eigene Identität verlieren? Oder wie schnell ist sie ersetzbar? Der 78-jährige Kundera stellt sich diese Fragen, seitdem er im Exil lebt. Ist auch seine eigene Identität durch die Emigration verloren gegangen? Doch sein lyrischer, zum Teil auch rätselhafter Roman beantwortet diese Fragen weder mit "Ja" noch mit "Nein". Kundera gibt uns lediglich einfühlsam zu verstehen, dass das Gefühl der Identität so komplex wie das der menschlichen Existenz selbst ist. Und wahrscheinlich wird dieses Gefühl nur dann ganz erfassbar, wenn es wirklich verloren geht.

(Aus der Berliner Morgenpost vom 20. August 2007)