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Milan Kundera: Die Identität

Zum 80. Geburtstag

Der schweigsame Romancier: Milan Kundera wird heute 80. Sein Lebenswerk ist überschattet vom Vorwurf des Verrats

Von Marina Neubert

Ist er ein Verräter oder nicht? Die Frage, ob Milan Kundera, 1950 noch ein junger Student, einen Prager Widerständler bei der Polizei denunziert hat, bewegt seit einem halben Jahr die Literaturwelt. Denn der nachdenkliche Roman-Welten-Verbesserer Milan Kundera, der seit mehr als dreißig Jahren in Paris lebt, galt bis dahin nicht nur als der bekannteste tschechische Schriftsteller, sondern als die moralische Autorität des literarischen Tschechiens schlechthin. Ein großer Romancier, der sich weder als Moralapostel noch als Kritiker der politischen Missstände in Szene setzte.

In den sechziger Jahren zählte er zu den prominentesten Vertretern des tschechischen Reformkommunismus. Nach der sowjetischen Besatzung der Tschechoslowakei erhielt er 1970 Schreibverbot, wurde allmählich zur Persona non grata und ging nach Frankreich. Sein 1978 entstandener Roman "Das Buch vom Lachen und Vergessen", in dem er mit seiner kommunistischen Vergangenheit abrechnet, führte zum Entzug der tschechischen Staatsbürgerschaft. Daraufhin zog er endgültig nach Paris und schrieb dort "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1984), den Roman, der ihn weltweit bekannt machte.

Zehn Jahre später verfasste er seinen ersten Roman in Französisch - "Die Langsamkeit" (1994). Danach folgten "Die Identität" (1998) und "Die Unwissenheit" (2000). In diesen drei wundervoll geschriebenen Psychodramen des so genannten "französischen Zyklus" - zum größten Teil werden dort Brüche des Exildaseins thematisiert - geht es mehr oder minder um den Verlust. Um den Verlust der Liebesfähigkeit, der Erinnerung, der Heimat, der eigenen Identität.

Als im vergangenen Herbst die Ergebnisse der Recherchen des Prager Historikers Adam Hradílek über den eventuellen Verrat Kunderas publik wurden, versuchten seine Feinde, die ihm ohnehin keine "saubere Weste" gönnten, seine literarischen Verlust-Motive durch das angebliche "Schuldbewusstsein" zu deuten. Kunderas Verteidiger dagegen glaubten, dass das sogenannte "Beweisdokument" gefälscht worden sei, um den Ruf Kunderas international zu ruinieren. Und Milan Kundera selbst, der zu den großen Schweigern der Gegenwartsliteratur gehört, kaum Interviews gibt, und wenn schon, dann nur schriftliche, schwieg zu den Vorwürfen.

Im Grunde weiß nur er allein, ob er die Gefängnisstrafe für den Widerstandskämpfer Miroslav Dvoracek auf dem Gewissen hat oder nicht, und ob der große Riss im Gewebe der Identität, der ihn in seinen Werken lebenslang beschäftigt, zum Teil auch mit den Ereignissen von 1950 zu tun hat. Unbestreitbar bleibt dem Leser sein großartiges literarisches Werk.

François Ricard hebt in seiner auf Deutsch im Carl Hanser Verlag erschienenen Biographie des Schriftstellers "Agnes' letzter Nachmittag" Kunderas eigene Auffassung seines Lebenswerks hervor: "Ganz und gar echt sei nur das, was zur Kunst des Romans gehört." Nur die Romane Kunderas, die in sich keine abgeschlossenen Makrokosmen sind, sondern jederzeit weitererzählt werden könnten, bilden seine eigentliche Wahrheit, stehen für seine Moral. Ihnen gehört die einzig wahre Authentizität des Autors.

In "Die Unsterblichkeit" (1990) wird der Autor gefragt, wie sein nächster Roman heißen werde. "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", antwortet er. "Diesen Titel hat doch schon jemand benutzt", so der Fragende. "Ja, ich selbst", erwidert er, doch er habe sich damals im Titel geirrt, er gehöre zum Roman, an dem er jetzt gerade arbeite. Heute feiert Kundera seinen 80. Geburtstag.

(Der Artikel erschien am 1.4.2009 in der Berliner Morgenpost)