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Moor, Margriet de

Margriet de Moors Novelle „Der Jongleur“ beschreibt eine erotische Dreiecksbeziehung im Artistenmillieu

Von Marina Neubert

Vorsicht: Unterhaltung! Als ein Täuschungsmanöver könnte man die Absicht der Holländerin Margriet de Moor interpretieren, die ihr jüngstes Werk "Der Jongleur" ein Divertimento nannte. Nun darf der aufmerksame Leser, der an de Moors ernsthafte literarische Auseinandersetzung mit den Themen bereits aus ihren früheren Werken gewohnt ist, an dieser Stelle staunen: Hat die bedeutendste lyrisch-dramatische Stimme der niederländischen Gegenwartsliteratur etwa ein bloßes Vergnügungsstück angekündigt?

Auf gar keinen Fall. Anscheinend wollte die große Künstlerin des Versteckspiels - ihr wirklicher Name ist apropos ebenso alles andere als ein Divertimento, sondern eher eine sinfonische Komposition, betitelt als Margaretha Maria Antonetta Neefjes - den Vorwürfen derer zuvorkommen, die ihre neue Novelle als eine simple Dreiecksgeschichte unter Artisten auszulegen versuchen.

Auf den ersten Blick scheint es sich bei de Moors Novelle tatsächlich nur um eine glücklose Beziehungsgeschichte zu dritt zu handeln, die sich - wie so oft in ihren Büchern - im Künstlermilieu abspielt. Ihre Erzählweise hat sich die ausgebildete Sopranistin, die sonst gerne musikalische Strukturen auf ihre Prosa überträgt, diesmal eher bei den Zirkusjongleuren abgeguckt. Sie lässt ihre Geschichte aus einem leichten, langsamen Zusammenspiel von Kleinkünstlern, die von einem Varieté zum anderen ziehen, sich zum rasanten Gewirr von Emotionen, Empfindungen und Handlungen entwickeln, die sie selbst meisterhaft in die Luft wirft und immer wieder auffängt - was bekanntlich zur größten Leistung eines Jongleurs zählen dürfte.

Was also passiert in dieser bezaubernden Geschichte? Charles Pluut, der Zauberer, kehrt ins Amsterdam der fünfziger Jahre in die Pension am Rembrandtplein zurück, wo sich bereits andere Künstler einquartiert haben. Unter ihnen sind auch die junge polnische Tänzerin Mis Daisy und der hagere Jongleur Pieter Newton. Die unerfahrene Daisy verliert ihr Herz sofort an den redegewandten Frauenschwarm Pluut, während er nach Anerkennung des schweigsamen Kegelwerfers sucht, der seinerseits in die Tänzerin unsterblich verliebt ist und die Bemühungen des Zauberers zurückweist.

Pluut - nach reichlichen Überlegungen - lässt sich zwar mit Daisy ein, aber nicht aus Liebe oder gar aus Zuneigung. Was ihn treibt, ist die knallharte Berechnung: Er meint, Daisy besitzen und sie dann als eine Art persönlicher Gegenstand an Pieter Newton weiter reichen zu können. Als der so genannte Freundschaftsbeweis vom Jongleur schroff abgelehnt wird, will sich Charles Pluut rächen. Er engagiert die Cousins Willem und Sjaak, um Pieter nach einer Abendvorstellung zusammenzuschlagen. Soweit das Divertimento in seiner einfacheren Lesart. Doch Margriet de Moor hat zwar eine federleicht-spielerische Eifersuchtsgeschichte vor der Kulisse des vom Krieg ermüdeten Amsterdams virtuos in Szene gesetzt, aber sie hat kein leichtes Stück komponiert. Obwohl sie viele unterhaltsame Motive - wie etwa das Improvisationsgeschick sämtlicher Lebenskünstler jener Zeit - humorvoll ausspielt, ist ihr eigentliches Thema nichts Geringeres als ein sinfonisches Drama der Selbsttäuschung.

Jeder täuscht sich selbst in de Moors raffiniertem Rätselspiel. Die einsame Pensionswirtin Mavrouw Minna macht sich vor, ihre Gäste seien ihre eigentliche Familie. Mis Daisy versucht sich selbst zu überreden, die Kraft ihrer Liebe würde den gleichgültigen Pluut an sie binden können. Pieter Newton redet sich ein, dass allein Daisys geistige Nähe ihm schon ausreichte, um ein Glücksgefühl zu verspüren. Und sogar die beiden besagten Cousins täuschen sich selbst: Mit aller Mühe versuchen sie, jemanden zu verprügeln, den sie eigentlich bewundern.

Doch der größte Selbsttäuscher in de Moors Geschichte ist der Zauberer Charles Pluut. Und nicht nur, weil er jeden Abend vor den Augen der verblüfften Zuschauer flammendrote Tücher verschwinden lässt, sondern weil die Täuschung zu seiner leidenschaftlichen Berufung wurde. Sein Leben lang versucht er, sich selbst zu überzeugen, er müsse den Leuten stets etwas vormachen und deshalb sei er so furchtbar einsam. Er glaubt, Pieters Freundschaft suchen zu wollen, um der Einsamkeit zu entfliehen. Doch in Wirklichkeit betrügt er sich auch diesmal: Es geht ihm gar nicht um Pieter. Es geht ihm lediglich um Pieters Authentizität in der Kunst, die ihn selbst magisch anzieht und von der er Besitz ergreifen will.

Beim Angriff auf den Ehrlichen scheitert der Täuscher: Pluut wird zum Schluss selbst von den angeheuerten Cousins brutal zusammengeschlagen. Dieser Wendepunkt am Ende der Geschichte lässt sich mit Sicherheit als eine Warnung vor jeglicher Täuschungsgefahr deuten. Doch es könnte auch eine Art Anspielung der klugen Autorin auf ihre eigene, an sich selbst gerichtete Frage nach der Täuschungsgefahr insbesondere in der Kunst sein: Wie viel Phantasie verträgt beispielsweise die Literatur?

Da aber Margriet de Moor in ihren Werken bekanntlich die Grenze zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren stets abtastet, ohne ihre Geheimnisse aufzudecken, bleibt auch diesmal die Antwort auf diese Frage zwischen den Sätzen ihres Divertimento gekonnt versteckt.

(Die Rezension erschien am 6. Juni 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)