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Adolf Muschg: Kinderhochzeit

Eine Familien-Dynastie zerbricht - Der frühere Berliner Akademie-Präsident Adolf Muschg stellt seinen neuen Roman "Kinderhochzeit" vor

Von Marina Neubert

Die kleine heile Welt im badischen Nieburg, dem Zentrum des Bühlerschen Aluminium-Imperiums, verliert ihre Mitte: Die 60-jährige Imogen Selber-Weiland, letzte Erbin der Bühler-Dynastie, umworbenste Frau seit Jahrzehnten, gesellig und unnahbar zugleich, wird eines Morgens tot aufgefunden. Erschossen. Mit einem großen Strauß Mohnblumen auf dem Schoß. Die Anderen, noch Lebenden, deren Schicksale mit Imogens Drang nach Einheitlichkeit und Ganzheit unmittelbar verbunden waren, versuchen nun mit aller Kraft, diese schwindende Mitte aufzuhalten.

So kämpfen die Hauptfiguren im neuen Roman des Büchner-Preisträgers Adolf Muschg, "Kinderhochzeit" (die eindrucksvollste Liebesgeschichte, die der Autor bisher geschrieben hat), darum, ihre eigene Welt aus Macht und Wohlstand nicht in Einzelstücke zerfallen zu sehen. Jeder ist ab nun bemüht - freilich im Rückwärtsgang, denn der Mord an Imogen wird der sonst retrospektiv erzählten Geschichte vorweg genommen, was sich als ein geglückter Kunstgriff des Autors erweist, der die Grenze zwischen Vergangenem und Zukünftigem auf diese Weise bewusst überschreitet - sein eigenes Leben genau in dem Zwielicht dazwischen in Balance zu halten.

Zwischen dem Vergessen-Wollen und dem Bewusstsein für die Verstrickung der Väter in die Schweizer Geschäfte mit den Nazis pendeln die Nachkommen aus Nieburg: Der Detektiv Ämil Isele, der ehemalige Bürgermeister August Kaiser, der Kunsthistoriker Horst A. Simon, die einstigen Teilnehmer des pompösen Bühlerschen Kinderumzugs kurz nach dem Krieg (wahrlich kein guter Zeitpunkt für prachtvolle Festlichkeiten!), an dem sie als Kinder beteiligt waren und an dem sie auch ihre angebetete Kinderbraut Imo an den zurückgezogenen, schweigsamen Iring Selber, den Sohn eines SS-Mannes, für immer verloren hatten.

Schon ihr Leben lang schien der Schatten der Väter ihnen im Wege zu stehen, obwohl sie ihn immer wieder zu verdrängen suchten. "Ich bin das Kind", gesteht die mit dem genialischen Schriftsteller Iring unglücklich verheiratete Imogen, "das im Winter die Handschuhe wegwirft und zum Vater sagt: Du hast selber schuld, wenn mir die Hände abfrieren." Auch Ämil Isele, Sohn eines ehemaligen Großbauunternehmers, der seit Jahrzehnten der Bühlerschen Erbin unglücklich hinterher träumt, ist Gefangener des eigenen Verdrängten. Im Grunde scheint keiner der "Kinder" bisher ein rechtes Leben geführt zu haben.

Anders hätte es auch kaum sein können. Denn für das literarische Werk des 74-jährigen Schweizers Adolf Muschg galt immer schon der Grundsatz: Kein richtiges Leben im Falschen zuzulassen. Auch sein Gerichtsreporter Sutter ("Sutters Glück", 2001) wurde schon mal wie ein Blitz aus heiterem Himmel von seiner Vergangenheit heimgesucht: Zuerst von einem anonymen Anrufer belästigt und dann schließlich angeschossen. Nicht ohne Grund. Ebenso wie das Leben der "Bühlerschen Kinder" auf dem schmalen Grad der Verdrängung nicht grundlos ins heftige Stocken gerät, als der Historiker Klaus Marbach nach Nieburg kommt, um über das Schicksal der Zwangsarbeiter, die deutsch-schweizerischen Industrieunternehmen zugeteilt waren, zu recherchieren.

Doch es wäre nicht angemessen, Muschgs neuen Roman nur auf das Thema des "rechten" oder "unrechten" Lebens im Umgang mit der eigenen Vergangenheit zu reduzieren. Denn die "Kinderhochzeit" ist ein vielschichtiger, komplexer Organismus, der von mehreren Assoziationsebenen lebt, mit mindestens drei Erzählsträngen, durch Klaus Marbach als Hauptfigur miteinander kunstvoll verwoben: Die Vergangenheit der Kriegsgeneration und der Nachgeborenen, die Lebensweise und -weisheit des halbwahnsinnigen Halbpropheten Iring Selber und letztendlich die faszinierende Liebesgeschichte zwischen Marbach und der um vieles älteren Imogen Selber-Weiland.

Mit der Begegnung der beiden beginnt eigentlich viel mehr als eine Liebesgeschichte, die Muschg sehr behutsam, unaufdringlich sich entfalten lässt: von leisen, sporadischen Telefongesprächen über die unschuldigen "Freitagstreffen um fünf" und eine einzige Liebesszene, die in ihrem Aufbau an das Hohelied Salomons erinnert, bis hin zu Imogens Freitod. Es beginnt die Geschichte einer Passion, die keine Opfer scheut, die "nichts anderes kennt", die für jede Grenzüberschreitung bereit ist und deshalb Liebe genannt werden darf, und die letztendlich zu der wichtigsten Botschaft Muschgs in seinem neuen Roman führt. Denn Klaus und Imogen sind die einzigen Figuren in "Kinderhochzeit", denen es tatsächlich gelingt, nicht nur die Balance zwischen der eigenen Vergangenheit und der unvermeidlichen Zukunft herzustellen, sondern auch zu ihrem gegenwärtigen Leben zu gelangen. Zum eigenen Kern, zur Mitte. Sowohl Imogen, die sich aufgrund ihrer Krankheit entschließt, aus dem Leben zu gehen, als auch Klaus, der ihr dabei hilft und dann - mit ihrer Asche unterwegs - à la Robert Walser für immer im Schnee verschwindet, haben die letzte und wichtigste Zeit ihres Lebens ihr eigenes, von allem unbelastetes Leben gelebt.

Genau genommen hält Adolf Muschg mit seinem neuen Roman ein leidenschaftliches Plädoyer auf die Befähigung zum eigenen Leben. Bereits vor mehr als 20 Jahren hatte er in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen angedeutet, dass das menschliche Überleben erst dann keine Sorge mehr sein würde, wenn wir leben gelernt hätten. Und leben lernen heißt in Muschgs neuem Roman, die Mehrschichtigkeit des freien, aufrichtigen Umgangs mit Liebe und Hass, mit eigener Vergangenheit, mit den scheinbar unlösbaren Konflikten der Gegenwart, mit Krankheit und Tod anzuerkennen.

(Die Rezension erschien am 31. Oktober 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)