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Sandor Marai: Tagebücher

Der stumme Beobachter: Die Tagebücher des ungarischen Dichters Sándor Márai

Von Marina Neubert

So werden große literarische Zeitzeugnisse geschrieben: Wenn man denkt, es seien nur noch "spärliche Zeilen, nur Späne", die man tagein tagaus sammelt, ordnet, notiert, weil man einfach nicht anders kann, als zu schreiben. Die im Piper Verlag erschienenen Tagebücher von Sándor Márai (1943-1945, in 2 Bd., mit einem wegweisendem Vorwort des ungarischen Kulturhistorikers László F. Földényi versehen) sind nicht nur ein detailliert kommentiertes Zeugnis der Zeit, sondern ein ergreifendes literarisches Exempel des Rückzugs.

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, aber auch in der Zeit danach, zog sich der Autor eines der schönsten Romane der 20. Jahrhunderts ("Die Glut", 1942) und neben Dezsõ Kosztolányi und Ferenc Molnár der bedeutendste Dichter der ungarischen Moderne aus dem literarischen Leben seines Landes beinahe komplett zurück. Verständlicherweise, denn Sándor Márai (Jahrgang 1900) war sowohl ein eifriger Faschismus- als auch ein Kommunismusgegner. Was aber macht ein Dichter, wenn er - völlig aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen - schaffen will? "Ich muss mich zur vollkommenen Einsamkeit, zu unparteiischer Gerechtigkeit, zu geduldiger Gleichgültigkeit erziehen", schreibt er 1945 in sein Tagebuch und arbeitet "ohne Requisiten", "ohne Bücher", "ohne literarisches Umfeld": Er zwingt sich zum schriftlichen Dokumentieren der Zeit.

Als er 1943 im besetzten Budapest, in die innere Emigration flüchtend und von der Lektüre des Tagebuchs von Jules Renard inspiriert, damit beginnt, seine Tagebücher zu verfassen, begründet er seinen Rückzug: "Gleichgültigkeit und Objektivität; und dann, wenn der Augenblick und die richtige Gelegenheit gekommen sind: völlige Ekstase und Hingabe an die Welt oder ein Werk." Er glaubt in jener Zeit, dass die Entscheidung, den Weltkrieg stumm zu beobachten und ihn in seinen Notizen festzuhalten, bis das Grauen vorbei ist, bis es wieder möglich sein wird, Romane zu schreiben, die einzig richtige für ihn ist. Und er folgt diesem Weg konsequent in seinen Tagebüchern. "Wissen, dass niemand einem hilft. Wissen, dass Gott immer da ist. Wissen, dass ich mit Gott allein bin. Alles beobachten, stumm."

Ob Márai damit gerechnet hat, dass seine kritischen Aufzeichnungen veröffentlich werden, ist ungewiss. Die Aktualität des Schreibens war ihm in jedem Falle unwichtig: Er verstand sich nicht als Zeitchronist - seine Tagebücher "Literat und Europäer" (Bd. 1, 1943-1944) und "Unzeitgemäße Gedanken" (Bd. 2, 1945) sind mit keinerlei zeitlichen Zuordnungen versehen.

Er stilisierte sie auch nicht bewusst als eine Art Flucht in die Unabhängigkeit, die ihm zwar das Überleben sicherte, doch danach der Welt zugänglich gemacht werden musste - wie Ernst Jünger oder Erich Kästner es praktizierten.

Erstmals in ungekürzter Form und neuer Edition herausgegeben, lassen sich Márais Aufzeichnungen, die nur noch beiläufig sein Privatleben, in erster Linie aber seine Sicht auf zeitgeschichtliche, kulturelle und politische Ereignissen festhalten, als eine Art Tagebuchroman lesen, dessen Kulisse das wahre Leben selbst ist. Und dessen Hauptfigur, Sándor Márai, an sein eigenes, "geistiges Selbstgefühl" sowie an die Eigenverantwortung seinem Leser gegenüber in dieser schweren Zeit appellierte.

1989 nahm Márai sich das Leben.





(Der Artikel erschien am 6.3.2009 in der Berliner Morgenpost)