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Sergej Lukianenko: Reinschrift

Im Land der Wächter

Wo bleibt Harry Potter? Was in Russland im November 2007 die Buch-Bestsellerliste bestimmt

Von Marina Neubert

Wo ist Harry Potter in Russland abgeblieben? In den aktuellen Belletristikcharts, die das Moskauer Buchhaus präsentiert, taucht er nicht einmal auf! Und dabei war doch der sechste Band bis jetzt der populärste Bestseller im Lande. Haben die Russen an Potter das Interesse verloren? Merkwürdig, wobei die Bestsellerlisten des Moskauer Buchhauses auf den ersten Blick überhaupt nichts Merkwürdiges an sich haben.

Wie jede andere Nation haben auch die Russen ihre eigenen Funkes und Schenkels. Russlands führender Bestsellerautor heißt Sergej Lukianenko. Mit dem Roman "Reinschrift", in dem die Hauptfigur in eine Grenzzone zwischen Realität und Fantasiewelt gerät und nirgendwo aufgenommen wird, ist er seit Wochen die Nummer eins in den Charts. Dieser Platz ist dem zurzeit populärsten russischen Science-fiction- und Fantasy-Autor spätestens nach seiner auch in Deutschland bekannten "Wächter"-Tetralogie gesichert. In Russland ist Lukianenkos "Wächter der Nacht" ein Kultbuch schlechthin. Es ist sogar erfolgreicher als "Herr der Ringe" und "Harry Potter". Auch die Verfilmungen sind die erfolgreichsten Blockbuster Russlands.

Aber wo ist der siebte "Harry Potter" im Land der Wächter abgeblieben? Stellen sich die Russen quer, während die ganze Welt nach Harry verrückt ist? Nun gut, wenn man die aktuelle Bestellerliste genau betrachtet, fällt der russische Querpatriotismus schon auf: Alle fünf "Besten" sind russische Autoren. Und auch die folgenden fünf Platzierten auf der gesamten Zehnerliste sind Russen. In Anbetracht der unter den Künstlern populär gewordenen "heißen Vaterlandsliebe" in Russland - neulich wurde Vladimir Chotinenko bei der Premiere seines nationalbewussten Films "1612" beinahe auf Händen getragen - lässt sich auch die patriotische Russifizierung des Buchmarktes erklären.

Doch nichtsdestotrotz: Wo bleibt der siebte "Harry Potter"? Die erste Nachfrage im Moskauer Buchhaus war erfolglos. "Kinderkram! Fragen Sie lieber nach den Finalisten des größten russischen Literaturpreises 'Bolschaja Kniga', der bald verliehen wird!" Es ist durchaus verständlich, dass eines der besten Buchhäuser Russlands sich am liebsten mit seinen bedeutendsten Autoren wie Dmitrij Bikow, Viktor Pelevin, Aleksej Varlamow oder Ludmila Ulizkaja im Ausland rühmen möchte. Aber unsere eigentliche Frage bleibt weiterhin offen.

Als Trost sollte uns Russlands Frauenkrimi-Königin dienen: Tatjana Ustinowa. Genauso wie ihre deutsche Kollegin Andrea Maria Schenkel belegt auch sie mit ihren Krimis "Vom ersten bis zum letzten Wort" und "Brunnen der vergessenen Wünsche" zwei Plätze in den aktuellen Charts. Auch der Satiriker Wladimir Woinowitsch wurde zum 75. Jubiläum von seinen Lesern mit zweiten Platz bedacht. Sein Schelmenheld Tschonkin aus dem Roman "Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin", einer Abrechnung mit der Stalinzeit, wurde bereits in den siebziger Jahren international bekannt.

Doch wo bleibt nun Joanne K. Rowlings Zauberlehrling? Der zweite Anruf im Moskauer Buchhaus war zum Glück erfolgreich. "Auf dem Platz eins unter 'Kinderliteratur'. Mit großem Abstand, leider." Leider? "Natürlich! Wissen Sie überhaupt, welche wundervolle Kinderbücher wir noch zu bieten haben?" Nein, wissen wir nicht. Leider.

(Die Kolumne und die Top5 erschienen am 16. November 2007 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)

Bestseller in Russland

1 Reinschrift (Chistowik) Sergej Lukianenko, Eksmo.

2 Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin Wladimir Woinowich, Eksmo (dt. Diogenes)

3 Vom ersten bis zum letzten Wort (Ot perwogo do poslednego slowa) Tatjana Ustinowa, Eksmo.

4 Erdöl (Neft) Marina Judenich, Verlag der populären Literatur.

5 Brunnen der vergessenen Wünsche (Kolodez sabitich zelanij) Tatjana Ustinowa, Eksmo.

Ermittelt durch das Moskauer Buchhaus