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Sibylle Krauser-Burger: Herr Wolle...

Sibylle Krause-Burgers Recherchen in der Familie: „Herr Wolle lässt noch einmal grüßen“ (2007)

Von Marina Neubert

Je leiser und unmerklicher das Zerstörerische ist, desto lauter und unaufhaltsamer dringt es in den Alltag der Menschen ein, dessen Leben zerstört werden soll. Die Regisseurin Margarethe von Trotta hat vor einigen Jahren in ihrem Film "Die Rosenstraße" die Macht dieser unerwarteten Zerstörung in der deutschen Geschichte am Beispiel der preußischen Adeligen Lena Fischer aufgezeigt, die im Jahr 1943 mit dem jüdischen Musiker Fabian glücklich verheiratet war und nicht ahnte, dass ihr Mann von einem Tag auf den anderen zu einem "Unmenschen" und sie selbst zur "Judenhure" erklärt werden konnte. Auch die 1935 in Berlin geborene deutsche Schriftstellerin und Journalistin Sibylle Krause-Burger, die sich mit den Biographien über Helmut Schmidt und Joschka Fischer einen Namen machte, hat mit ihrem neuen Buch "Herr Wolle lässt noch einmal grüßen. Geschichte meiner deutsch-jüdischen Familie" ein typisch deutsches und zugleich ein sehr persönliches Familienporträt nachgezeichnet.

Einfühlsam und ergreifend erzählt sie die dramatische Geschichte ihrer eigenen Familie. Was mit einer Liebesromanze zwischen einem jungen Mann aus der schwäbischen Provinz und der Tochter eines jüdischen Unternehmers im Berlin der zwanziger Jahre begann, entwickelte sich im "Dritten Reich" zur Tragödie. Im September 1941 musste Thekla Wolle zum ersten Mal den gelben Stern tragen. Ihre Enkeltochter, damals fast sechs Jahre alt und nach Maßgabe der Nazis ein "Mischling ersten Grades", erlebt diesen Moment der Verzweiflung. Doch erst 2004 erfährt Sibylle Krause-Burger in allen Einzelheiten, was ihrer Großmutter damals geschah und wie der jüngere Bruder ihrer Mutter jahrelang vergeblich darum kämpfte, den deutschen Wärtern zu entkommen.

Drei Jahre lang hat die Autorin recherchiert und in den vielen Briefen und Dokumenten die Tragödie ihrer Familie wiedergefunden. Anschaulich und zugleich dezent beschreibt sie, wie die Verfolgungen der Nazis nach und nach den Alltag und auch die Zukunft ihrer Eltern und Großeltern zerstörten. Sie schildert auch, wie die Mehrheit der Deutschen die tödliche Gefahr nicht wahrhaben wollten und wie sich "arische" Teile ihrer eigenen Familie von den jüdischen Verwandten abwandten.

(Die Rezension erschien am 15. Februar 2008 auf der Literaturseite der Berliner Morgenpost)