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Vladimir Nabokov: Maschenka

Sehnsucht nach Jugend - Der russische Exilant Vladimir Nabokov schrieb in Berlin mit „Maschenka“ seine erste Liebesgeschichte

Von Marina Neubert

Hätte sich doch Lev Ganin, der ehemalige russische Offizier der Weißgardisten und Hauptfigur von Vladimir Nabokovs schönster Liebesnovelle "Maschenka" (1926), für seine romantischen Gefühle eine etwas ruhigere Stadt ausgesucht. Das Berlin der Zwanzigerjahre ist ein pulsierendes, kulturelles Zentrum, ein geistiger Sammelpunkt für alles Bedeutende, Umstrittene, Experimentelle. Es ist eine Stadt voller Chancen und Gefahren. Aber nein - den einst wohlhabenden, nunmehr verarmten Ganin trieb es nach Berlin, als müsste er inmitten dieses hektischen Wirrwarrs den schönsten und stillsten Traum seines Lebens erleben.
Und dass nur, weil sich sein Schöpfer Vladimir Nabokov, der selbst seit 1922 in Berlin im Exil lebte, mit Ganins "russischer" Liebesgeschichte für immer von Russland verabschieden wollte. Einen ergreifenderen, innigeren und poetischeren Abschied eines Prosaikers von seiner Heimat hatte es bis dahin noch nie gegeben.
Die geliebte, verlassene Frau der ebenso geliebten und verlassenen Heimat gleichzustellen, die es nur in der Erinnerung wieder zu gewinnen gilt, um sie in Wirklichkeit für immer loslassen zu können - dieses Aufgeben als Metapher so sensibel, dezent und dennoch in jeder Erzählfaser erkennbar zu machen, das konnte nur ein großer Meister. Kein Wunder also, dass die literarische Bedeutung von "Maschenka" seinerzeit sofort erkannt wurde, obwohl der später weltberühmte "Lolita"-Autor zu jener Zeit noch unbekannt war. Die "Vossische Zeitung" druckte Nabokovs Liebesnovelle unter dem Titel "Sie kommt - kommt sie?", noch lange bevor sie in Buchform herauskam.
Wer ist Maschenka? Sie ist Lev Ganins Jugendliebe, die er nach der Oktoberrevolution im bolschewistischen Russland zurücklassen musste. Er flieht, um sein Leben zu retten, während sie - ihrer großen Liebe nachtrauernd - einen alternden, langweiligen Mathematiklehrer namens Alferov heiratete. Vladimir Nabokovs erste große Liebe, die er 1915 kennenlernte, hieß Walentina Schulgina - ihr ist die Liebesgeschichte der "Maschenka" zu verdanken.
Neben "Luschins Verteidigung" (1930), der "Mutprobe" (1932) und der "Gabe" (1938) ist "Maschenka"- eines der wichtigsten frühen Emigrationswerke, die Vladimir Nabokov in seinen fünfzehn Berliner Jahren (1922-1937) geschrieben hat.
Lev Ganin ist wie alle anderen Helden bei Nabokov ein Außenseiter. Er ist zwar kein Knabenliebhaber und Frauenhasser wie Kinbote aus dem gerade auf Deutsch erschienenen Roman "Fahles Feuer". Er ist ebenso kein auf eine Kindfrau fixierter Humbert Humbert, der seine zwölfjährige Stieftochter Dolores ("Lolita") zu einer zweijährigen Odyssee durch die USA zwingt, oder das am Rande des Nervenzusammenbruchs lebende Schachgenie Luschin. Aber er ist ein Gejagter - ein Gejagter der äußeren Umstände, wie etwa dem Verlust seiner Heimat, und ein Getriebener seiner selbst. Einer, der keine Ruhe findet, ganz unabhängig davon, was er macht, wo er lebt oder wen er liebt.
Im Berlin der Zwanzigerjahre angekommen, versucht sich Ganin mit unterschiedlichen Jobs über Wasser zu halten. Doch ist er nicht in der Lage, länger an einem Ort zu bleiben. Stets treibt es ihn davon. In dieser Hinsicht trägt die Figur die Züge seines Schöpfers. Denn auch der Emigrant Nabokov litt übermäßig an der Unmöglichkeit, "im Land der geliebten russischen Sprache" zu leben, das er als überzeugter Anti-Bolschewist und Sohn des berühmten, einem Attentat zum Opfer gefallenen, liberalen Politikers Vladimir Nabokov, nach der Oktoberrevolution nie wieder betrat.
Innerhalb Berlins wechselt auch Nabokovs entwurzelter Ganin von einer Pension in die andere. Zum Schluss mietet sich der auf den ersten Blick abweisende, zurückhaltende Held in einer kleinen Pension bei Frau Dorn ein, wo auch eine Gruppe russischer Emigranten wohnt. Darunter ist auch der ungeduldige Alferov, der sehnsüchtig auf die Ankunft seiner jungen Frau Maria wartet.
Maria? Von wegen! Maschenka! Auf Alferovs altem, verblichenem Foto erkennt Ganin seine Jugendliebe wieder. Die Maschenka, die einer zarten Birke ähnelt, dem russischsten aller russischen Symbole! Die Maschenka, die in sich alles verkörpert, wonach sich die russische Seele sehnt! Die Schönheit, Anmut, Reinheit und Selbstlosigkeit der Jugend in einer romantischen, dörflichen Idylle, weit weg von politischen und historischen Schicksalsschlägen. An diese Maschenka wird der heimatlose Ganin erinnert. Und auf einmal leben die verdrängten Erinnerungen wieder auf und mit ihnen zusammen auch Ganin selbst. Alles lebt auf, alles bekommt einen Sinn!
Fest entschlossen, seine Maschenka zurück zu gewinnen, geht er zum Bahnhof. Doch kurz vor der Ankunft des Zuges entscheidet er sich, Berlin allein zu verlassen. Auf einmal versteht er, dass sich seine verlorene, leidenschaftlich zurückersehnte Liebe, die er in seiner Erinnerung vier Tage lang durchlebte, niemals wiederholen kann. Er kauft sich eine Fahrkarte nach Frankreich. Ohne Maschenka. "Es wird niemals so wieder werden, wie es einmal war! Niemals!"
Wer seine Heimat einmal verloren hat, findet sie nie wieder. Lev Ganin verabschiedete sich von Maschenka, und mit ihr auch von seiner Sehnsucht, nach Russland zurückzukehren. Ähnlich erging es dem 23-jährigen Vladimir Nabokov, der im März 1922 in Berlin-Grunewald eintraf, um eine lange Reise "von einer Fremde in die andere" anzutreten. Ein schmerzhafter, doch zu jener Zeit auch ein rettender Abschied.

(Die vierte Folge der Reihe „Liebesgeschichten aus Berlin“ erschien am 15. Juli 2008 in der Berliner Morgenpost)

Vladimir Nabokov gehörte zur russischen Emigrantenkolonie in Berlin

Emigranten
In der Berliner russischen Emigrantenkolonie der Zwanzigerjahre lebten die bedeutendsten russischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Alexej Tolstoj, Ilja Ehrenburg, Boris Pasternak, Marina Zwetajewa, Viktor Schklowski, Andrej Bely, Alexej Remisow. Der Dichter Wladislaw Chodassewitsch, der zu dieser Gruppe zählte, nannte Berlin "Stiefmutter der russischen Städte".

Vladimir Nabokov Der 1899 in St. Petersburg geborene Aristokratensohn entstammte einer kosmopolitischen Familie, die in der Oktoberrevolution unterging. Als er 1922 nach Berlin kam, wurde er schnell Teil der russischen Schriftstellerelite im unter Russen beliebten Wilmersdorf. Gegen deutsche Einflüsse schottet er sich ab. Er arbeitet als Privatlehrer, Übersetzer, Gelegenheitsschauspieler und veröffentlicht unter dem Pseudonym W. Sirin erste Prosa. In seinen Berliner Jahren (1922-1937) schrieb Nabokov sieben Romane, die in Berlin spielen. Mit der Liebesnovelle "Maschenka" (1926) gelang ihm der literarische Durchbruch. Im Januar 1937 reiste Nabokov samt seiner jüdischen Frau Vera und dem gemeinsamen Sohn Dmitri vom Bahnhof Zoo ab. 1945 wird er Staatsbürger der USA. Dort schreibt er seinen Roman "Lolita", der die skandalöse Liebesbeziehung zwischen einem alternden Mann und einer Zwölfjährigen beschreibt. Er wird weltberühmt - und nie wieder nach Berlin zurückkehren.